13. Juni 2010, von

Live: Deutschland gegen Australien

20:35 Uhr
Ich komme zu spät aus der Dusche.  Fernseher an.  Steht’s schon 2:0?  Nein, 0:0, Australien greift sogar an.

20:37 Uhr
Chance für Klose, doch der leidet unter dem bisherigen WM-Syndrom aller Stürmer:  Halbhoch auf den Torwart — und der kommt nicht schnell genug weg.

20:38 Uhr
Podolski spielt in seiner Mannschaft und trifft zum 1:0.  Warum tut der sich so etwas Langweiliges wie die Bundesliga überhaupt an?  Das wäre doch mal was:  Ein Fussball-Frührentner, der nur noch für Länderspiele aufläuft!

20:40 Uhr
Jetzt wird sich zeigen, ob die deutsche Mannschaft Charakter hat, oder sich dem bisherigen Treiben bei der WM anpasst:  Emotionsloses Gekicke, als ginge es um die Paderborner Stadtmeisterschaft.  Ach was, die Paderborner sind wahrscheinlich weitaus engagierter, als die meisten Mannschaften der bisherigen WM-Spiele.

20:46 Uhr
Nanu? Wo hat Löw sein tailliertes Hemd gelassen?  Schick ist dieses blaue Shirt unter dem Jackett nicht.  Wird er alt und braucht etwas aus Angorawolle um die Nieren?

20:50 Uhr
Wo ich schon beim Thema Mode bin:  Der Schiedsrichter Rodriguez aus Mexiko hat vermutlich eine Beratungsstunde zum Thema „Wie hält die Haarschmiere im Rampenlicht?“ bei Friedman gebucht.

20:54 Uhr
Klose semmelt freistehend am Tor vorbei.  Gomez hätte es nicht besser machen können.  Der Wettbewerb um den Titel „Chancentod“ ist eröffnet.

20:56 Uhr
Klose trifft.  Nanu, was ist da schief gelaufen?  Gomez wird sich freuen, sein Anspruch auf den Titel wächst.

20:59 Uhr
Da ist noch Luft nach oben, dürfte Müller gedacht haben, als er soeben eine Flanke hoch und weit über den Strafraum haute.

21:00 Uhr
Eine feine Leistung von Özil, doch seinen Lupfer am Torwart vorbei lupft ein Australier noch von der Linie.

21:02 Uhr
Ach, Herr Réthy, wenn Ronaldo der beste WM-Toschütze „aller Zeiten“ ist, wie soll ihn dann der Klose überholen können?  Da könnte ein Sprachkurs bei der VHS helfen:  Deutsch für Sportreporter.

21:08 Uhr
Lahm setzt Akzente.  Ein Mittelfeldspieler hat sich zu dieser Rolle bisher noch nicht aufraffen können.

21:13 Uhr
Kurz vor der Halbzeit:  Natürlich hat sich Australien in Spielkultur, -anlage und -technik gegenüber früher enorm verbessert — doch ein Prüfstein ist diese Mannschaft nicht.

21:15 Uhr
Also bitte, Herr Réthy:  „Vuvuzela-Terror“ — haben Sie keinen Respekt vor dieser alten afrikanischen Kultur der Plastiktröten?  Das ist ja fast so, als wenn man hier die drohenden Autokorsos und das Gehupe bis spät in die Nacht bekrittelte! Traditionen, Traditionen — so wie auch „Public Viewing“, ein ebenfalls altes Kulturerbe aus frühen Zeiten unserer Gesellschaft.  Um dem auf öffentlichen Plätzen extatisch brüllenden Fussballfan entgegen zu kommen und das Diktat des Fussballs über minderwertige Interessen wie Nachtruhe zu manifestieren, wurde extra die Lärmschutzverordnung in Hessen für ein paar Wochen geändert.

21:16 Uhr
Halbzeit.  Nach den bisherigen Leistungen, die ich von den anderen Mannschaften gesehen habe, war die Leistung der deutschen Mannschaft ordentlich.  Nicht begeisternd, aber immerhin ordentlich.  Und einzig Südkorea hat es in den bisherigen sieben Spielen der WM geschafft, zwei Tore zu schiessen.  Da simmer doch schon mal dabei bei den ganz Grossen!

Pausenfüller
Im heute-journal kommt der FDP-Generalsekretär Lindner zu Wort.  Ich plädiere in diesen Momenten für den Einsatz von Vuvuzelas auch bei uns.  Politisch inkorrekt, aber in diesem Fall erlösend.

Die Halbzeitanalyse von Oliver Kahn ist kurz — doch er vermittelt mir sowieso fast nie das Gefühl, dass ich etwas versäumen könnte.

21:30 Uhr
Anpfiff.  Der Kommentator Béla Réthy schwärmt von einer „Suuuper-Abstimmung“ im Mittelfeld:  Schweinsteiger und Khedira würden sich prima abwechseln.  Wenn der eine geht, bleibt der andere zurück.  Ja, wirklich suuuper, dass die Jungs das nach nur ein paar Wochen Training können!

21:38 Uhr
Das Abiturfoto von Herrn Réthy wird rechts unten eingeblendet.  Als Kinderarbeit geht sein Geplappere ja nicht mehr durch, aber dass Praktikanten beim ZDF WM-Spiele kommentieren dürfen!?

21:42 Uhr
Rote Karte für Cahill — naja, da gab’s schlimmere Fouls.  Jetzt bietet sich für die deutsche Mannschaft die Chance, durch kluges und gutes Spiel für einen Bonus in Sachen Selbstvertrauen und Respekt zu sorgen.

21:45 Uhr
Klose arbeitet doch noch am Titel des Chancentods:  Wieder freistehend, diesmal zwar nicht halbhoch, aber eben doch mittig auf den australischen Torwart.  Danach sein ungenauer Pass auf Khedira — und Herr Réthy wirft letzterem vor, nicht getroffen zu haben.  Naja, er sitzt ja ein paar tausend Kilometer näher dran als ich …

21:51 Uhr
Klose punktet weiter gegen Gomez (um den Titel „Chancentod“).

21:53 Uhr
Müller schiesst das 3:0 — und ich muss eben mal weg, meinen Hut holen.  Den ziehe ich vor ihm, denn ich habe ihm diese Leistung nicht zugetraut.  Elegant sah der Torschuss zwar nicht aus — doch drin ist drin.

21:56 Uhr
Jogi „Au“ Löw ballt die Backen und pustet die Fäuste auf:  Der eingewechselte Cacau hat kaum die Seitenlinie übertreten und trifft zum 4:0.

21:59 Uhr
Gomez.  Nein, bitte nicht!  Doch bei diesem schwachen Gegner könnte sogar der treffen.

22:05 Uhr
Den höchsten Unterhaltungswert in dieser ausklingenden Partie haben Gomez‘ Ballkontakte.

22:10 Uhr
Gomez prüft, wie hoch der Platz am Fünfmeterraum ist. Ich konstatiere:  Er ist hoch — und Gomez führt deutlich vor Klose.

22:18 Uhr
Cacau fällt, weil er am Fuss getroffen wurde.  Das meine ich in der Wiederholung deutlich gesehen zu haben.  Die Gelbe Karte für eine angebliche Schwalbe hält Herr Réthy für gerechtfertigt.  Tja, so isses, wenn man zu dicht am Geschehen sitzt.  Armer Kerl, der Reporter!

22:19 Uhr
Abpfiff.  Die letzten Minuten waren gemächlich.  Höhepunkt war eigentlich nur noch die Grossaufnahme des Schiedsrichters von hinten,  auf der man die sehr eng sitzende Turnhose bewundern konnte.  Wow!

22:20 Uhr
Hä?  Das Spiel wurde präsentiert von einem Fernseher der Marke Sony?  Da muss ich nochmal hinschauen:  Neee, bei mir steht Toshiba dran, da hat das ZDF sich geirrt.

Analyse mit Katrin Müller-Hohenstein und O.K.
„Noch genialer“, „absolut gewollt“ — Oliver Kahn brilliert wie gewohnt.  „Wichtig ist, dass man in dieses Turnier reingeflogen ist.“ Erzähle uns mehr, Olli!

Auch das noch!
Herr Steinbrecher teilt seinen Überschwang mit Herrn Löw — aus Gelsenkirchen erreichen uns begeisternde Bilder von hüpfenden und grölenden Fans.  Euphorie überall!  Was ich bisher vermisse, sind die hupenden Autos hier bei uns in der Wetterau.  Ob man zwischen Echzell und Friedberg so viel Fussball-Sachverstand aufbringt, dass man die „Stärke“ der Australier richtig einschätzt?  Ah, da war einer!  Da noch einer, der hupt.  Endlich wieder der Normalzustand.  Dabei hätte ich mich in diesem Fall so gerne geirrt.

Mein Fazit
Das war ordentlich, eine solide Leistung der deutschen Mannschaft gegen einen schwachen Gegner.  Ebenfalls positiv:  Keine Mätzchen bei Nebenschauplätzen wie das beliebte Gezetere bei Einwürfen für den Gegner oder das übliche „Ich-war’s-nicht“-Gesicht nach Fouls.  Das war sympathisch.  Dass diese Truppe in die KO-Runde kommt, daran dürfte kaum Zweifel bestehen — zu schwach ist die Gruppe D.  Wie weit die Mannschaft dann gegen wirklich starke Gegner ist — ich bin gespannt.

23:10 Uhr
Das war’s, live vom schwarzen Sofa zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft bei der WM.

Gute Nacht!

-fj

2 Kommentare auf "Live: Deutschland gegen Australien"

  1. Immerhin habe ich mich bei diesem Spiel kein bisschen gelangweilt. Und fünfmal (die Tore plus nach dem Abpfiff) gesellschaftlich akzeptiert öffentlich kreischen zu können, habe ich sehr genossen.

  2. Frank J. sagt:

    Öffentlich kreischen? Sie wären nur bedingt meine bevorzugte Nachbarin! ;-)

    -Frank

Schreiben Sie einen Kommentar