22. Juni 2010, von

Vor- und Rückschau

Solche Vorhersagen sind leicht zu machen:  Im Artikel Weiter, immer weiter! griff ich die Vorliebe unserer Zeitgenossen auf, nach vorne zu schauen.  Nach der ersten schlechten Leistung der deutschen WM-Truppe würden solche Durchhalteparolen kommen, schrieb ich.  Nun war die Leistung zwar nicht tatsächlich schlecht im fussballerischen Sinne, doch in Bezug auf kluges Verhalten auf dem Platz war viel Verbesserungspotential zu erkennen.  Die vorhergesagten Worthülsen kamen nach der unnötigen Niederlage wie erwartet.

Als Fotograf liegen die Dinge für mich aber vielleicht grundlegend anders, denn ich produziere etwas, dessen Ursprung schon einen Augenblick später Vergangenheit ist . Ich kann mich nicht mit einem abstrakten Ergebnis wie 2:1 zufrieden geben — meine Arbeit muss angefasst werden mit Augen und Geist.  Und jedes mal ist es eine Rückschau.

Dabei entdecke ich immer wieder Mängel in meiner Arbeit, reibe mich an den Ergebnissen, freue mich auch manchmal an gelungenen Bildern.  Was wird die deutsche WM-Mannschaft wohl nach dem Ghana-Spiel fühlen?  Wird man die Aufzeichung des Spiels nie wieder ansehen wollen — oder wird es ein immer wieder gern zitiertes Match werden?

Hier steht eine Prognose natürlich auf viel wackligeren Füssen als die oben erwähnte.  Trotzdem traue ich mich:  Die Mannschaft hat das Potential, Ghana zu schlagen, spielerisch und mental — wenn man es schafft, aus der eigenen Befindlichkeit auf dem Platz bei der Niederlage gegen Serbien zu lernen.  Dass man bei dieser WM besser nicht von hinten attackiert und die Ellenbogen beim Kopfball nichts am Hals des Gegners zu suchen haben, das sollte jeder Fussballspieler mitbekommen haben, oder?

Kein Daumendrücken, keine Fahnen oder Gesänge wird es bei mir geben.  Ich möchte mir einfach ein gutes und faires Spiel anschauen, und finde, dass das keine falsche Einstellung ist.  Egal, wie es kommt, ich werde meinen Spass haben — und im Zweifel kein Mitleid mit ein paar überbezahlten Sportlern. Mitgefühl werde ich höchstens für all die Zeitgenossen aufbringen, die für ein paar Wochen wieder einmal ein verstärktes Nationalgefühl hervorkramen, und das dann fluchend in die ansonsten verstaubte Kiste schwarz-rot-goldener Devotionalien packen.

Na, vielleicht holen sie die Wimpel ja bei der nächsten Steuererhöhung wieder hervor?  Also besser gar nicht erst wegpacken.

-fj

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