2. Juli 2010, von

Ein viertele Finale, bitte!

Vier Partien, acht verbleibende Mannschaften.  Für manche Teams ist es gut, so weit gekommen zu sein, für andere geht es jetzt angeblich erst richtig los.  Tatsächlich:  «Jetzt geht die WM erst richtig los», dieses Geschwätz war ab dem Achtelfinale bereits wieder an aus vielen Richtungen zu hören.

Dabei stellt man darauf ab, dass mit dem Beginn der KO-Runde mehr Spannung aufkommt, sich die Mannschaften besser motivieren können.  Dabei glaube ich, dass man mit diesem Standardsatz, den man in jedem Turnier zu hören bekommt, nur von den durchwachsenen Leistungen in der Vorrunde ablenken will.  Und dabei meine ich nicht nur die deutsche Mannschaft …

Hat man sich erst mal ins Finale geschummelt, denkt niemand mehr zurück.  Oder glauben Sie, dass man in Italien heute Wert auf die Feststellung legt, mit welchen Leistungen sich das Team 2006 zum Titel gemogelt hat?  Erinnern Sie sich gerne an den Rumpelfussball der deutschen Mannschaft im Jahr 2002? Vizeweltmeister, das zählt in der Erinnerung der Zuschauer, nicht die teilweise mittelmässigen Vorstellungen.

Zurück zum Beginn des aktuellen Turniers:  Ging es für das Team von Jogi Löw nicht bereits gegen Ghana um den Verbleib im Wettbewerb?  War nicht auch schon dort die angeblich so erstrebenswerte KO-Situation eingetreten?  Doch was hörte man statt Begeisterung aus dem deutschen Lager?  Man wollte der Drucksituation des Gewinnenmüssens aus dem Weg gehen, das sei nach der Niederlage gegen Serbien nun aber nicht mehr möglich, so der Tenor.  Hätte man sich nicht freuen müssen, dass durch den Zwang gewinnen zu müssen, das «echte» Turnier bereits gegen Ghana losging?  Aber irgendeinen verbalen Teppich muss man ja auslegen bei den Pressekonferenzen, und dass der fadenscheinig ist, wird kaum bemerkt.

Ach, alles graue Theorie, gegen England lieferte das deutsche Team eine weitgehend überzeugende Leistung ab — allerdings darf man auch hier wieder nicht vergessen, dass dieses britische Team (achter Platz in der FIFA-Weltrangliste) in der Vorrunde keine Bäume ausgerissen hat:  Unentschieden gegen die USA (Platz 14) und Algerien (Platz 30), ein 1:0 über Slowenien (Platz 25) — da verwundert die deutliche Niederlage der Insulaner gegen Deutschland (Platz 6) nicht.  England war einfach mal wieder schlecht bei dieser WM.

Und nun wartet Argentinien, von dem ich bisher nur bärenstarke Leistungen gesehen habe.  Hier wird Endstation der deutschen WM-Hoffnungen sein, so meine ich.  Das schnelle, technisch starke und körperlich robuste Spiel der Argentinier dürfte Gift sein für das heutige deutsche Team.  Die Südamerikaner erarbeiten sich regelmässig Chancen — und wie anfällig die deutsche Verteidigung ist, hat gerade das Englandspiel gezeigt.

Die völlig überflüssige Tirade von Schweinsteiger in Richtung Argentinien (er wies auf unsportliches Verhalten hin: «Das ist respektlos, aber die Argentinier sind so.») wird der deutschen Mannschaft ebenfalls keinen Vorteil bringen.  Vielmehr werden die Südamerikaner doppelt engagiert in die Partie gehen, wenn sie an das Ausscheiden von 2006 denken — und Schweinsteigers Nachkarten zur Kenntnis nehmen.

Dass damals Frings wegen einer Tätlichkeit nach Spielende für das Halbfinale gesperrt wurde, hat Schweinsteiger ausgeblendet.  Diese nationale Einäugigkeit ist ein wenig peinlich, vielleicht sogar respektlos, aber vielleicht sind «die Deutschen» so?  Ach, Herr Schweinsteiger, wie gut, dass Sie nur Fussballspieler sind und kein Bundespräsident.

Ein viertele Finale also — oder darf’s vielleicht überraschenderweise doch ein wenig mehr sein?

-fj

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