8. Juli 2010, von

Verstolperte Vorhersagen

Meinen Job als Orakel hänge ich besser an den Nagel.  Ich hoffe, Sie haben Ihre Tippscheine nicht auf meine Anregungen hin ausgefüllt.  Klagen auf Schadenersatz nimmt mein Anwalt bestimmt begeistert entgegen.

Doch zum gestrigen Spiel:  Was war da passiert?  Wieso war das Spiel so einseitig?  Waren die schlappen jungen Männer, die sich über den Platz schleppten, tatsächlich die Helden vom Argentinienspiel?


Schweinsteiger ohne Beruhigungmittel

Also gut, ich lag mal wieder falsch mit meiner Prognose.  Doch wie sollte ich ahnen, dass die deutsche Fussballmannschaft den Einzug ins Finale der Weltmeisterschaft dermassen hilflos verstolpert?  Wie konnte man nach den bisherigen überwiegend guten, teils sogar bezaubernden Leistungen von «La Mannschaft» auf die Idee kommen, dass man der Truppe vor dem Spiel Baldriantee verabreichen würde?  Dass Özil und Podolski zusätzlich eine Dosis Tranquilizer bekommen würden?

Einzig Schweinsteiger schien in der zweiten Halbzeit wieder etwas auf Adrenalin zu sein und grätschte, was das Zeug hielt.  War ihm diese übertriebene Aktivität gar nicht peinlich?  Klose dagegen hielt sich an die Team-Order:  Er schaffte es im Interview nach dem Spiel noch nicht mal, sich ständig am Kopf zu kratzen — wie er das sonst beharrlich macht.  Völlig erschlafft, wie fast die gesamte Elf, äh Vierzehn …

Lukas hat unglaubliche Fähigkeiten.  Warum sollte ich an ihm zweifeln? … dass über Lukas Podolski so häufig diskutiert wird, da fehlt mir jedes Verständnis.

[Joachim Löw, 13. August 2010]

Hmm.  Dann darf ich über Podolskis Gesamtleistung bei der WM also nicht diskutieren?  Ich darf auch nicht fragen, warum der Bundestrainer ihn und Özil 90 Minuten lang spielen liess?

Kölner Jung heilig gesprochen

Dass Podolski während des Turniers ein paar lichte Momente hatte, bleibt unbestritten, dass er den Status eines unumstrittenen Stammspielers genoss, war ein Fehler.  Spätestens als der Stürmer (!) einige Konter der Deutschen gegen Argentinien gemütlich über die Mittellinie trabend anschaute, statt mit fliegenden Beinen mit nach vorne zu gehen, da hätte Löw den Status des Kölner Jungs widerrufen müssen.  Am besten genauso öffentlich, wie dessen  Heiligsprechung nach dem Spiel gegen Australien vor den Kameras des Fernsehens …

Wenn es nach Löw ginge, dürfte ich vermutlich auch nicht fragen, warum er Marcell Jansen für (den sicher nicht guten — aber wer war gut an diesem Tag?) Boateng brachte, anstatt einen der blassen offensiven Spieler auszuwechseln?  Wenn ich mich richtig erinnere, lief es vorne nicht, während hinten bisher alles gut gegangen war (wenn auch mit Glück):  In der 52. Minute stand es noch 0:0, die Spanier waren im bisherigen Turnier nicht treffsicher (gerade sechs Tore bis zum Halbfinale).  Wenn man auf irgend etwas hoffen konnte, dann auf ein Nachlassen der Kräfte bei den Spaniern und einen deutschen Stürmer, der an diesem Tag diese Bezeichnung verdiente.  Also nicht Gomez …

Verlierer und Helden

Löw hat vieles richtig gemacht bei dieser WM, aber das starre Festhalten an einigen Spielern mit sehr wechselhafter Form ist genauso wenig nachvollziehbar, wie sein Glaube, dass Gomez in seiner lang anhaltenden Krise mal einen Ball über die Linie stolpern, einen Pass zum Mitspieler bringen oder einfach nur mal schnell laufen würde.

Mein Held bei diesem Turnier ist überraschenderweise Thomas Müller geworden — nicht wegen seiner (von mir nicht erwarteten) engagierten Leistungen, sondern wegen der entwaffnenden Aussage nach dem Spiel auf die Frage des Reporters, ob man aus dieser Niederlage nicht viel lernen könne.  Fast genervt antwortet der junge Stürmer sinngemäss, dass das war schon vor zwei Jahren nicht der Fall gewesen sei.  Und Müller hat Recht!

Bei der EM 2008 hatte Deutschland die Chance, aus dem verlorenen Halbfinale der WM 2006 zu lernen.  Jetzt hätte man von dem chancenlosen Endspiel 2008 etwas lernen können.  Hat man?  Nein.  Wer glaubt ernsthaft, dass die Leistung der Mannschaft gestern inspiriert war durch die Niederlagen bei früheren Turnieren?  Wenn man etwas lernen konnte, dann dass man ein Fussballspiel mit vor allem Bewegung gewinnt.  Gestern wäre aber auch Netzer im Mittelfeld der Deutschen nicht als unbeschleunigbarer Fremdkörper aufgefallen.

Spanien war das klar überlegene Team, «bewegte sich besser», wie die Fachleute sagten.  «Bewegten sich» heisst:  Sie rannten, hatten begriffen, dass Fussball ein Laufspiel ist.  Anstrengend, schweisstreibend, aufreibend.  Gerade in der ersten Halbzeit liefen die deutschen Spieler aber nur hinterher, waren den Spaniern körperlich und auch in Bezug auf Willenskraft unterlegen.  Nicht in der zweiten Halbzeit, sondern in den ersten 45 Minuten wurde das Spiel verloren, denn den Spaniern wurde es zu leicht gemacht — und sie wurden zu Recht immer selbstbewusster.


Motivation fürs letzte Spiel

Und nun?  Spiele um den dritten Platz gewinnen deutsche Mannschaften bei Weltmeisterschaften regelmässig.  Ob das so bleibt?  Viel wird davon abhängen, wie motiviert Uruguay sein wird.  Ein dritter Platz wird von dieser Mannschaft als überraschender Erfolg angesehen, für die Deutschen dagegen erwartet man ihn als Mindestergebnis.  Das könnte schwierig werden, wenn man die Enttäuschung der Lahms und Co. gesehen hat.

Am Samstag hat die Mannschaft die Chance, den positiven Gesamteindruck zu unterstreichen — oder zu verspielen. Übrigens:  Die Prämie von 100.000 Euro für jeden deutschen Spieler ist unabhängig davon, ob der dritte oder der vierte Platz herausspringt.  Das zeigt den Wert, den man diesem Spiel entgegen bringt. Aber wie wir gestern gesehen haben:  Noch nicht mal die Aussicht auf 150.000 oder gar 250.000 Euro (zweiter oder erster Platz) hat die jungen Leute motiviert, sich etwas mehr zu bewegen.


Und so wird’s ausgehen

Mein Tipp:  7:6 im Elfmeterschiessen.  Gomez verwandelt dabei in den ersten 45 Minuten zwei seiner vierzehn todsicheren Chancen, Podolski trifft «mit seiner überragenden Schusstechnik» ebenfalls doppelt und ist für die nächsten 17 Jahre Stammspieler.  Wiese fängt sich allerdings binnen 12 Minuten den Ausgleich mit vier Rollerbällen ein (und wird das hinterher auf den bösen Jabulani schieben), Butt wird in Halbzeit zwo eingewechselt, … ach, ich will ja nicht alles verraten.

Erst recht nicht, für wen es 7:6 ausgeht.  Wenn Sie mit dem Tipp trotzdem gewinnen, dann bitte ich um Überweisung von 76 % des Gewinns auf mein Konto.

-fj

4 Kommentare auf "Verstolperte Vorhersagen"

  1. Himmelhoch sagt:

    Das ist ja ein unheimlich ausführlicher Kommentar. Dieser hier hält sich fotografisch und buchstäblich kürzer.

    Ich werde morgen abend genau so interessiert gucken wie ich am Sonntag geguckt hätte, wenn … Und der Lärm dabei ging mir schon eh und je auf die Ohren, da diese so gut wie nichts mehr taugen, sie hören nur immer das, was sie nicht sollen, und das tut dann weh im Kopp!

    LG von Clara H.

  2. Himmelhoch sagt:

    Hallo, Frank,

    vielleicht ist J.L. durch die vielen Avancen, die ihm die Frauen machen, heimlich Homo geworden und steht jetzt auf L.P., so dass er ihn unbedingt 90 Minuten lang vor Augen haben muss. Was weiß ich denn!

    Wenn man nicht gelaufen ist und deshalb nicht geschwitzt hat, juckt auch der Kopf nicht! Was sind schon 50.000 mehr auf dem Konto, wenn man über das, was dort eh schon herumliegt, kaum einen Überblick hat. Bekommen das Geld auch die Spieler, die immer mal kurz eingewechselt wurden?

    Ich fände Elfmeterschießen traumhaft – da kann mein kindliches Gemüt so richtig mitfiebern. Wenn Sie mal ein wenig schmunzeln wollen, wie entspannt kaum fußballbegeisterte Frauen vor dem Halbfinale waren, dann schauen Sie doch mal.

    Jetzt aber genug kommentiert für heute.

    Schöne Wochenendgrüße und es wäre sehr blamabel für die mit soviel Vorauslorbeeren bedachte srg-Mannschaft, als Vierte – auch mit Geld – das Feld zu verlassen. Da müsste dann Jogi Köln-Trainer werden, um mit L.P. zusammen bleiben zu können.

    Herzliche Grüße von Clara H.

  3. Uta sagt:

    Merkwürdig: immer, wenn ich Kommentare zu diesem verlorenen Spiel der Nationalelf lese oder höre, fallen mir die Worte von meinem Freund Litti (Pierre Litbarski) ein: „vom Sofa aus gewinne ich auch jedes Spiel!“

    Unterstelle denen doch bitte nicht, sie wären nicht motiviert gewesen! Dass es am Ende nur 0:1 stand und nicht etwa 0:4 war doch schon eine große Leistung. Seien wir doch einfach mal froh, dass „unsere Jungs“ weiter kamen als Frankreich, Italien, Brasilien und Argentinien!

    Mal ehrlich, wer von uns hätte sich das zu Beginn der WM schon zu träumen gewagt?

    Gute Nacht!
    Uta

  4. Frank J. sagt:

    Moin Uta!

    Klar! Die Denker sitzen daheim auf dem Sofa — wo sonst? :-)

    Im Sport geht es sicher um verschiedene Dinge: Vom olympischen Gedanken (Dabeisein ist alles) ist man im Profifussball allerdings weit entfernt. Vielen national eingestellten „Fans“ geht es ums Gewinnen des eigenen Teams — und davon bin wiederum ich bei meiner Argumentation weit entfernt.

    So bin ich nicht froh darüber, dass die deutsche Mannschaft sich 2002 ins Finale gestolpert hat. Es war eine schlechte WM für das Team.

    Ich bin auch nicht froh darüber, dass die Spieler dieses Jahr weiter gekommen sind als Domenechs Kaspertheatertruppe oder Lippis Blamageteam. Ich erkenne an, dass La Mannschaft weiter gekommen ist als die immer hoch einzustufenden Brasilianer, wertschätze den Sieg über das grundsätzlich spielstarke Argentinien — bin aber nicht froh darüber.

    Die Leistung gegen Spanien war weit entfernt von den Möglichkeiten des deutschen Teams. Dass es nach der Anzahl der Torchancen weit schlimmer hätte ausgehen können, ist richtig. Jedoch muss man festhalten, dass die Nutzung der Chancen bei Spanien im gesamten Turnier mangelhaft war. So überrascht deren magere Torausbeute gegen Deutschland nicht.

    Da es nun eben nicht nur ums Dabeisein ging, musste man überlegen, wie man gegen so ein starkes Team trotz der vermutlichen spielerischen Überlegenheit des Gegners gewinnen konnte. Tja, und genau bei dieser Vorarbeit bzw. deren Umsetzung sehe ich einen Mangel. Vom Sofa aus. Und ich darf das, denn auch wenn der Ball nicht unbedingt mein Freund ist, so erkenne ich doch eine fast immer hinterhertrabende Truppe auf dem Feld. Ich erkenne an Özils Gestik und Mimik, dass er hadert. Ich sehe einen überforderten Podolski. Ich nehme die Schwächen in der Abwehr ebenso wahr wie Khediras Probleme (übrigens in allen Spielen) in der Offensive. Ich sehe die Hilflosigkeit eines Gomez. Wieso nicht der Trainer?

    Aufgaben eines Trainers und seines Stabs sind es, die Spieler zu trainieren, eine Strategie für das Spiel zu erarbeiten, diese den Spielern zu vermitteln, das Team physisch fit zu machen und psychologisch einzustellen, richtig aufzustellen, aus- und einzuwechseln, …

    Wenn die Aktionen so wie gegen Spanien aussehen, dann stimmt etwas in mehreren Punkten nicht. Und das hat nichts mit „Träumen“ von einem Titel oder dem Wunsch, sich vor anderen Mannschaften zu platzieren zu tun, sondern mit einem Spiel, in dem man die Chancen, es vielleicht doch zu gewinnen, entweder nicht erkannt, oder nicht umgesetzt hat.

    Motivation oder nicht — was auf dem Platz gegen Spanien abgeliefert wurde, hatte nichts mit einer couragierten Leistung eines professionell vorbereiteten Teams zu tun. Und um im Halbfinale einer WM zu bestehen, muss man zumindest eines sein: Entschlossen — und diese Einstellung muss man auch auf dem Platz sichtbar machen.

    Den Eindruck vermittelte La Mannschaft nicht, und deshalb war es eine bedenkliche Niederlage. Im Gegensatz übrigens zum Serbienspiel, in dem in der zweiten Halbzeit mit Einsatz, Willen und nur zehn Spielern versucht wurde, das Spiel zu drehen. Solche Niederlagen sind verzeihlicher.

    Verloren, aber gut gespielt — das ist respektabel. Wenigstens gekämpft — ja, das ist immerhin erträglich. Nehme ich die nicht ausreichende Laufbereitschaft des deutschen Teams als Massstab, dann war es eben noch nicht mal erträglich.

    -Frank

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