26. Juli 2010, von

Grüsse aus der Wetterau (II)

Kommissar Schmidt war auf dem Weg nach Frankfurt.  Der dunkle BMW schoss mit Tempo 140 über die B3 nach Süden.  Er fuhr gerne schnell, liebte den Kick der Geschwindigkeit.  Das stark motorisierte Fahrzeug brummelte nur leicht, als er nach dem Preungesheimer Dreieck auf die A661 auffuhr und noch mehr beschleunigte.  Ohne Not wechselte er gewohnheitsmässig auf die linke Spur. So früh am Sonntagmorgen war die A661 leer.

Ein aufmerksamer Fahrer war er heute morgen allerdings nicht.  Es war spät geworden gestern Abend in Solmsheim.  Auf dem Heimweg hatte er sich noch einen Sechserpack Bier in einer Tankstelle geholt, bis weit nach Mitternacht getrunken und einer Ahnung nachgehangen:  Was, wenn dieser Tote auf dem Hof in Solmsheim Stefan Perrone war?  So ganz hatte er dessen Verschwinden vor – ja, vor wie vielen Jahren war das eigentlich? – nie begriffen.  Sicher, Stefans Frau hatte ihn verlassen und der damals junge Mann hatte danach andere Pläne, als in Solmsheim zu versauern.  Doch sein plötzliches Verschwinden hatte er sich schon damals nicht erklären können, als sie noch Freunde waren, Stefan, Thomas und er.

Die Geschichte mit der Leiche gestern Abend in Solmsheim ging ihm auch heute morgen nicht aus dem Kopf.  So bemerkte er den 80er-Bereich erst, als er schon mitten drin war.  Die Autobahn wurde enger und er nahm die Verschwenkung viel zu spät wahr.  Heftig lenkte er ein, das Adrenalin in den Gliedern.  Beim Versuch das schwere Fahrzeug abzufangen, schleuderte es mit dem linken Heck gegen eine Warnbake.  Kommissar Schmidt erlangte die Kontrolle erst kurz vor der rechten Leitplanke wieder, konnte gerade noch gegenlenken und das Fahrzeug wieder in die Spur bringen.  «Verdammt!», fluchte er sich selbst laut an.  Das war keine Dienstfahrt, er würde den Schaden selbst tragen müssen.

Seine Gedanken rasten durch den Kopf.  Übernächtigt war er und hatte vielleicht noch ein wenig Restalkohol im Blut.  Erst als er den Main überquerte, wurde ihm bewusst, dass er die Abfahrt zur  Hanauer Landstrasse verpasst hatte.  Langsamer fuhr er weiter bis zum Kaiserlei-Kreisel, bog dort rechts ab in das Deutschherrnufer und suchte sich einen Parkplatz am Fluss etwas abseits der Strasse.  Das war unerlaubtes Entfernen vom Unfallort, wurde ihm plötzlich klar.  Mit etwas Glück hatte niemand den Vorfall beobachtet, es war ja leer auf der Autobahn.  Er stieg aus und sah sich den Schaden an.  So schlimm war es nicht.  Ein paar Kratzer im schwarzen Lack, eine kleine Delle an der Seite, das könnte er vielleicht selbst reparieren.

Kommissar Schmidt ging an den Kofferraum, nahm einen Schluck aus dem Flachmann, den er dort versteckt hatte und atmete tief durch.  Er würde ein wenig Zeit brauchen, um sich wieder zu beruhigen.  Das Gespräch mit Thomas müsste er sachlich und kontrolliert führen, das wusste er.  Er schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete.  Ausser einem frühen, sonntäglichen Jogger war niemand zu sehen.  Er nahm noch einen Schluck.  Wieder im Auto liess er die Fenster herunter und versuchte, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Noch spät gestern Abend hatte er Thomas Pipp angerufen und ihm von dem Fund auf dessen ehemaligen Grundstück erzählt.  Zwei, drei Jahre hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt und Thomas zeigte sich überrascht wegen des Anrufs, wirkte unsicher.  Oder war es gar keine Überraschung, sondern Entsetzen über die Geschichte, die er seinem Freund aus Kinder- und Jugendzeiten nur andeutete?  Wusste Thomas Pipp vielleicht bereits, wen man da gefunden hatte, als der Kommissar ihm von der Leiche erzählte?

Thomas war gelernter Koch und machte jetzt in Frankfurt Karriere.  Im Radio gab er als Tom Pfiff manchmal Kochtipps auf einem Privatsender.  Er stand kurz vor dem Durchbruch, würde vielleicht einer dieser berühmten Fernsehköche in Deutschland zu werden.  In der Wetterauer Zeitung konnte man bereits lesen, dass der Solmsheimer bald eine Kochschau auf Pro7 moderieren würde. Dass er eigentlich Thomas Pipp hiess, wurde in den Medien nicht erwähnt.  Seine Karriere entwickelte sich anscheinend gut, doch dafür hatte er auch lange in fremden und eigenen Töpfen rühren müssen.  Das eigene Restaurant in Frankfurt hatte sich mittlerweile etabliert und zog die Schickeria an.

Schmidt verstand diese Medieneuphorie um ein paar Kochtöpfe nicht.  Überall im Fernsehen wurde gekocht, er mochte diese versnobten Rucolaschnipsler nicht, wie er sie bezeichnete.  Der Kommissar ass gerne Hamburger, fuhr mittags häufig von Friedberg nach Rosbach und deckte sich bei McDrive ein.  Dass er zugenommen hatte in den letzten Jahren, war ihm aufgefallen.  Doch lieber ein paar Pfunde im Studio abtrainieren, als 50 Euro für ein Essen auszugeben, das aus homöopathischen Portionen bestand, war seine Meinung.

Kommissar Schmidt merkte an seinen Gedanken, dass er sich beruhigt hatte.  Er liess den Motor wieder an und fuhr zurück in Richtung Autobahn.  Zurück am Kaiserlei-Kreisel nahm er die Auffahrt in Richtung Norden und verpasste diesmal die Abfahrt zur Hanauer Landstrasse nicht.  Nach wenigen Augenblicken bog er in den grossen Hof zur Union-Halle ein.  Die Schranke war offen, an Parkplätzen kein Mangel.  Es war Sonntag, viel zu früh für irgendwelchen Betrieb in dieser Gegend.

Er war noch nie hier gewesen, seit sein Freund das Restaurant in diesem schön renovierten Hinterhof eröffnet hatte.  Kommissar Schmidt blickte sich nach einem Hinweis auf das Restaurant um.  Er entdeckte das einfache, aber ansprechend gestaltete Schild: Perrone’s Deli.  Darunter stand in kleineren Buchstaben: Inhaber Tom Pfiff.  Der Kommissar parkte neben einem riesigen, dunkelblauen Dodge SUV.  Der Koch hat den Absprung aus Solmsheim wirklich geschafft, dachte er.

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