2. August 2010, von

Grüsse aus der Wetterau (III)

Boy Hansen wischte sich die Spinnweben aus dem Gesicht.  Er war vor der Polizei auf den Dachboden geflüchtet.  Und vor den Gaffern.  Für Solmsheimer Verhältnisse war es bereits ein Menschenauflauf, der sich rund um seine Hofreite gebildet hatte.  Am Montag war es losgegangen, nachdem sich der Fund des Toten im Dorf herumgesprochen hatte.  In der Wetterauer Zeitung waren Dienstag und Donnerstag Berichte über den Leichenfund erschienen, wodurch natürlich auch die Menschen in den umliegenden Ortschaften über den Solmsheimer Toten informiert waren.  Das erklärte die weiter gestiegene Zahl der Neugierigen.

Die Polizei hatte keine Eile gezeigt mit der erneuten Durchsuchung der Fundstelle in Boys Garten, denn das Gelände war noch abgesperrt.  Boy sollte sich davon fern und das Gartentor für Fremde verschlossen halten, wies man ihn höflich aber bestimmt an.  Der erneute Polizeieinsatz in seinem Garten fand dann am Freitag statt und half nicht, das Interesse der Bevölkerung zu schmälern.  Menschen, die er grösstenteils nicht mal vom Ansehen kannte, lungerten um sein Grundstück herum.

Als einige sogar durch das offene Tor in den Hof traten, um vielleicht etwas mehr zu erfahren, hatte er die beiden schweren Holzflügel der Einfahrt geschlossen und war auf den Dachboden gestiegen.  Hier war es zwar staubig und stickig, aber wenigstens hatte er seine Ruhe.   Hier war es zwar staubig und stickig, aber wenigstens hatte er seine Ruhe – und aufräumen wollte er unterm Dach ja schon seit längerem.  Er begann, sich durch die Regale und Schränke zu arbeiten, um einen Überblick zu gewinnen.  Dabei konnte er auch endlich mal wieder seine Gedanken ordnen.

Der Zeitung vom Dienstag war zu entnehmen, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Stefan Perrone aus Solmsheim handelte, der Mitte der achtziger Jahre in die USA ausgewandert war.  Der Zahnarzt in Altenstadt hatte noch Röntgenaufnahmen seines Patienten und die Vergleiche der kriminaltechnischen Untersuchung lagen Stunden später vor, so wurde in einem langen Artikel berichtet.  Frau Glober lag also richtig mit ihrer Theorie.

Eine junge Reporterin der Wetterauer Zeitung war am Montag erschienen und hatte Boy mit Fragen gelöchert.  Er antwortete freundlich, aber eher verschlossen, denn er hatte kein Interesse daran, die Aufmerksamkeit für seine Hofreite noch zu erhöhen.  Ein Bild von ihm im Garten lehnte er höflich ab, nicht nur, weil ihn die Zeitungsfrau darum bat, mit einem Spaten zu posieren.  Sie schaute ihn enttäuscht an, doch ihre schauspielerischen Fähigkeiten reichten nicht aus, um Boy umzustimmen.  Er liess sich versichern, dass sein Name nicht erwähnt würde – und zu seiner Erleichterung fand er tatsächlich nichts über sich in dem Artikel.

Am Donnerstag las Boy Hansen dann, dass der mutmassliche Mörder Stefan Perrones momentan in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt einsass und eine lebenslange Haftstrafe mit anschliessender Sicherungsverwahrung verbüsste.  Der Mafia-Killer Giovanni L. hatte laut Angaben des ermittelnden Kriminalhauptkommissars Schmidt bereits ein Geständnis abgelegt.  Zu einem Prozess und einer weiteren Verurteilung würde es aber wohl nicht kommen, da der 48jährige Italiener lebensbedrohlich erkrankt sei.  Na, dachte Boy, da hat sich die Geschichte ja schnell erledigt.  In zwei, drei Tagen kann ich dann endlich die Kastanie umsetzen.

Als er aus dem verstaubten Fenster des Dachbodens nach unten blickte, sah er Waltraud Lührmann aus ihrem Haus auf der anderen Strassenseite kommen.  Sie trug eine gut sitzende, etwas ausgewaschene Jeans und einen braunen Pullover.  Von hier aus kann man sie glatt für ihre Tochter halten, murmelte Boy ein Kompliment.  Ein wenig verstohlen sah sie sich um, überquerte die Strasse und ging auf seine Hofreite zu.  Bevor sie die in das rechte grosse Tor eingelassene Tür öffnete, ordnete sie ihr dunkelbraunes Haar mit der rechten Hand.  Mit einer eher jugendlichen Bewegung schlüpfte sie durch die Öffnung und schloss die alte, etwas hakende Tür sorgfältig.  Im Hof konnte Boy sie von seinem Platz unterm Dach nicht mehr sehen.

Sein Puls ging etwas schneller, als er die steile Treppe hinunterstieg.  Er hörte ein Klopfen und öffnete.  «Hallo Frau Lührmann», begrüsste er sie, «ich habe Sie von oben gesehen.  War auf dem Dachboden, deshalb die Spinnweben», erklärte er etwas verlegen seinen verstaubten Aufzug.  «Hallo Herr Hansen.  Frau Glober hat mir gesagt, dass Sie die Geschichte der Perrones interessiert.»  «Hmm, ja.  Immerhin lag einer der Perrones hier im Garten und der Hof gehörte ihm früher.  Ich gebe zu, dass ich da ein wenig neugierig bin – und zu meinem Erstaunen wusste Frau Glober nicht alle Details», zwinkerte er ihr zu und trat beiseite.  Mit einer Handbewegung, die eigentlich lässig aussehen sollte, forderte er sie auf, einzutreten.

«Ja, das ist wirklich erstaunlich», grinste sie ihn verschmitzt und sympathisch an.  «Sonst ist sie die Informationsquelle Nummer eins.»  Boy bemerkte erfreut, dass sie in Bezug auf Frau Glober eine Wellenlänge hatten.  «Was halten Sie davon, wenn ich etwas zu trinken hole und sie dann erzählen?»  «Gerne.  Was haben Sie da?»  Boy war verdutzt ob der Selbstverständlichkeit, mit der die Frau fragte.  Er mochte das.

«Wasser, eigene Leitung, Apfelsaft, eigene Ernte, Orangensaft, selbst gekauft, einen offenen Weissburgunder aus Baden und eine rote Cuvée von der Bergstrasse», zählte Boy auf und fügte hinzu:  «Ziemlich gut, die Cuvée.»  «Dann sollten es Wasser und die ziemlich gute Cuvée sein», sagte Waltraud Lührmann, streifte die Schuhe ab, setzte sich aufs Sofa und zog die Knie an sich heran.  Boy war erfreut und ein klein wenig verwirrt zugleich.  Erfreut über die weitere Gemeinsamkeit, denn trotz des frühen Nachmittags war auch ihm nach einem Glas Rotwein gewesen.  Etwas verwirrt war er, als er sich fragte, ob der Banker wusste, dass Waltraud sich so offensiv auf andere Sofas setze.

Nach dem Fund der Goldkette durch Annemarie Glober hatte er noch am Sonntagabend die Polizei informiert.  Seine Nachbarin hatte sich bald wieder gefangen, nachdem sie kurzzeitig doch recht blass geworden war.  Ein Wetterauer Birnenschnaps half ihr zumindest auf ein Bein, wie sie meinte.  Das zweite Glas liess sie dann wieder richtig fest mit beiden Füssen auftreten.  Nun war sie dran zu erzählen und nicht Boy, wie es eigentlich geplant war, bevor sie in den Garten gingen.  Francesca war der Name von Stefan Perrones Frau.  Frau Glober erinnerte sich an das junge Paar, das vor zirka 25 Jahren in Solmsheim eine Pizzeria eröffnet hatte.

Boy ahnte, dass diese Gastwirtschaft damals in der Hofreite betrieben wurde, die er gekauft hatte, hier in dem Raum, in dem sie jetzt sassen.  Die alte Einrichtung einer Gaststätte auf dem Dachboden hatte er ja bereits bei der ersten Besichtigung des Hofs gesehen.  Dass der Verkäufer hier einmal als Koch gearbeitet und später die Pizzeria samt Hof übernommen hatte, liess die Geschichte mit der Leiche nach Boys Gefühl unangenehm nahe an ihn heranrücken.

«An mehr kann ich mich aber kaum erinnern», schränkte Annemarie Glober nach der kurzen Erzählung bedauernd ein.  «Die Waltraud weiss da bestimmt mehr, sie war gut befreundet mit Francesca.»  Boy merkte Frau Glober an, wie schwer ihr dieses Eingeständnis fallen musste, dass jemand anders besser informiert war über den Klatsch und Tratsch in Solmsheim.  Waltraud Lührmann, dachte Boy, das ist vielleicht eine gute Gelegenheit, sie besser kennenzulernen.

Er schätzte sie auf Mitte 40, fand sie attraktiv und interessant, was die Leute so über sie erzählten.  In seinen drei Jahren hier in Solmsheim hatte er kaum einmal die Gelegenheit gehabt, mit ihr zu reden, denn sie arbeitete in Frankfurt im Universitätsumfeld und war oft nicht zu Hause.  «Sie hat einen Kerl in Bad Homburg, der passt überhaupt nicht zu ihr», liess Frau Glober in ihrer direkten Art keinen Zweifel.  «Banker, Haare so schmierig wie der Friedmann, ein arroganter Schnösel, ha!  Die sollte sich mal lieber einen netten Mann suchen …», und während der Satz allzu offensichtlich im Nichts ausklang, blickte sie von schräg unten unmissverständlich auf Boy Hansen.

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4 Kommentare auf "Grüsse aus der Wetterau (III)"

  1. Hein Blöd sagt:

    Hi, unglaublich cooles Projekt. Alle Achtung!

    Kleine Korrektur: In GadW III, S. 4, Abs. 13 soll es wohl eher
    ‚Lorenzo‘ statt ‚Stefano‘ sein, dem sie „erzählt, dass sie Angst
    vor Giovanni hätte und zudem Abstand von ihrem Mann bräuchte.“

    Vor Spannung ganz zappelig:

    – HB

  2. Frank J. sagt:

    Hallo Hein,

    danke für das Lob. Ich wusste gar nicht, dass ich noch so cool sein kann. :-)

    Die benannte Stelle ist tatsächlich nicht gut formuliert, ja, missverständlich. Ich habe ein wenig umgestellt und hoffe, dass das jetzt deutlicher ist. Es ist eine Crux mit manchen Texten und der Betriebsblindheit: Hat man sich erst mal in Trance gelesen, dann fällt so etwas nicht mehr auf. Und ich bin sicher, das ist nicht die einzige Schwachstelle …

    Um so mehr: Danke für den Hinweis!

    -Frank

  3. Rosemarie sagt:

    Hallo Herr Jermann,

    vielen Dank für die Zusendung von Teil 3. Mit großer Spannung erwarte ich jetzt Teil 4. Der Roman ist noch genauso spannend wie in Teil 1. Leider hatte mein PC kurzfristig seinen Geist aufgegeben, so daß ich leider keinen Kommentar abgeben konnte.

    MfG
    Rosemarie Tänzer

  4. Frank J. sagt:

    Vor Minuten habe ich den vierten Teil online gestellt. Da können Sie gleich weiterlesen.

    Sie sind nicht nur eine treue Leserin, sondern auch eine wohlwollende Kommentiererin. Beides freut mich sehr. Vielen Dank, Frau Tänzer!

    Frank Jermann

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