13. August 2010, von

Grüsse aus der Wetterau (IV)

Ernst Baumann ging zum Kühlschrank und holte zwei Flaschen Licher-Bier heraus. Die Kronenkorken flogen im hohen Bogen auf den Terrazzo-Küchenboden.  Mit hellem Geräusch klickerten sie über das unregelmässige, schwarz-weisse Muster.  Die rostige Gabel, mit der er beide Bierflaschen geöffnet hatte, warf er unkontrolliert auf den Küchentisch.  Ein mächtiger Rülpser hallte durch den kahlen, von einer tristen Neonröhre erhellten Raum.  Beim Hinausgehen kickte er die Metallkapseln unter den Küchenschrank, wo sie hörbar auf eine Kombination aus Küchendreck und Artgenossen trafen.

«Du trinkst zuviel», mahnte Karl Glober, der auf der Kante des Sofas hockte, das mit einer rot-weiss-braun karierten Decke geschützt wurde.  Er griff lustlos nach ein paar Chips, die er alt und pappig fand.  Den Besuch bei seinem Freund hatte er sich anders vorgestellt.  Dass Ernst Baumann bereits um elf Uhr morgens so betrunken war, schockte ihn schon etwas.  Der alte Mann liess sich seit ein paar Monaten ziemlich hängen.  Sc hwer plumpste der Angesprochene in einen Sessel, der in einem dunklen Gelbgrün den Geschmack längst vergangener Zeiten repräsentierte.  «Geschwätz», lallte er.

Beide tranken ein paar Züge.  Karl Glober war es eigentlich zu früh für Alkohol und er fand das Bier zu warm, doch er sagte seinem Freund nichts.  Auch Ernst Baumann war wahrlich nicht redselig.  Nach einigen Minuten durchbrach Karl Glober die Stille: «Was hast Du eigentlich neulich nachts da draussen gemacht?»  «Du hast mich gesehen?»  Dem schwer betrunkenen Mann war trotz seines Zustands sofort klar, was sein Freund meinte.  «Ja, Annemarie ist wach geworden.» «Nicht wegen mir», protestierte Ernst Baumann erstaunlich heftig.  «Das war der Depp von gegenüber, der nachts um drei diesen Lärm gemacht hat! Fährt mir doch glatt meinen Zaun um! Und die Polizei steckt mit ihm unter einer Decke.» Seine Empörung klang echt, doch Karl Glober wusste, dass die Geschichte so nicht stimmte.

«Mensch, Ernst, erzähl keinen Mist, du bringst dich in Teufels Küche.  Ich hab doch gesehen, wie du den Zaun selber demoliert hast.  Ich mag den Hansen nicht, aber was Du machst, ist auch nicht richtig.» «Ach, sei still, was weisst denn du!»  «Ich weiss immerhin, dass du enormen Ärger bekommen wirst, wenn du so weiter machst.» «Halt einfach deinen Mund und ich bekomme keinen Ärger.  Den Hansen krieg ich ran, das kannste mir glauben.» «Ernst, ich mache da nicht mit.  Du trinkst zuviel, du beschuldigst Leute zu Unrecht – und das bringt dich in Schwierigkeiten.  Kapier das endlich!»  «Ach, lass mich zufrieden.  Trinkst du noch ein Bier?»  «Nein, ich muss heim.  Annemarie wartet mit dem Essen.» Eine bessere Ausrede fiel Karl Glober nicht ein.

«Gut, dass ich nie geheiratet habe.» «Genau das ist dein Problem, Ernst.»

Knapp achteinhalb Stunden vorher klopfte Waltraud Lührmann vorsichtig an Boy Hansens Tür.  Er öffnete.  Bildete sie sich nur ein, dass er erfreut aussah?

Sie dachte an den letzten Abend.  Wie selbstverständlich hatte Boy Hansen sie gebeten, ob sie das Bett im Gästezimmer beziehen könnte, während er auf die Schnelle etwas zum Abendessen bereiten wollte.  Waltraud hatte Boy ebenso selbstverständlich unterstützt.

Die Treppe nach oben war schmal und sie meinte sich zu erinnern, dass sie als Kind mal dort hinaufgestiegen war, doch ganz sicher war sie nicht.  Im ersten Stock gab es mehrere Zimmer, doch nur eins war renoviert.  «Zimmer 112 für unseren Gast», hatte Boy ihr zugezwinkert.  Jetzt wusste sie, was er meinte: Eine der Türen war mit einer hübsch verzierten Nummer versehen.  Waltraud öffnete und schaltete das Licht an.  Der Raum war grob verputzt, weiss gestrichen und geschmackvoll mit alten Möbeln eingerichtet.  Das Bett sah gemütlich aus.  Mike würde hier gut schlafen.

Boy hatte Pasta gekocht, sich aber statt der angekündigten Carbonara für eine Sosse aus Zucchini, Knoblauch, Speck, Sahne und Olivenöl entschieden.  Nach 20 Minuten stand das Essen auf dem Tisch.  Mike hatte sich in der Zwischenzeit etwas frisch gemacht – dass er das brauchte, sah man ihm nach seiner Odyssee an.  Zu dritt assen sie, nur wenige Sätze wechselten über den Tisch.  Boy und Waltraud platzten zwar fast vor Neugier, wieso dieser unerwartete Besuch aufgetaucht war, doch ein Gespräch kam nicht richtig in Gang.  Mike entschuldigte sich – er sei zu erschöpft, um von sich oder seiner Reise zu erzählen.  Als er nach oben ging, sich zum wiederholten Mal für die Gastfreundschaft bedankte, verabschiedete sich auch Waltraud.  Boy lud sie ein, am nächsten Morgen wieder vorbei zu kommen – schliesslich kannte sie Mike und seine Mutter von früher.

So sassen Waltraud und Boy also auch am Samstagvormittag wieder auf dem Sofa, hielten diesmal aber Kaffeebecher statt Rotweingläsern in den Händen.  «Die Geschichte ist undurchsichtig, irgendwie seltsam», meinte Boy.  «Nachdem sie mir gestern Abend – hmm, sollten wir uns nicht duzen?»  «Gerne», lächelte Waltraud ihn offen an, nahm den Becher in die linke Hand, reichte ihm die frei gewordenen rechte und schickte ein kokettes: «Waltraud!» auf die andere Seite des Sofas.  Boy war überrascht von ihrer schnellen Reaktion.  «Äh, ja, …» Umständlich stellte er seinen Kaffeebecher ab, doch Waltraud kam ihm zuvor: «Bo-i, ich weiss, nicht boy.  Schliesslich wohne ich gegenüber von Frau Glober – da weiss man so was!»  Boy war kein Frühaufsteher, liebte es, den Morgen langsam anzugehen und kam sich in der Situation ziemlich dämlich vor.  Sie schüttelten die Hände irgendwie zu förmlich, fand er, und sah die Verantwortung dafür bei sich.  Das nächste «Du» würde er nicht vor Sonnenuntergang anbieten.

«Ja, das mit der Frau Glober stimmt», meinte er nach einer Pause etwas verwirrt.  «Was wollte ich gerade sagen?»  «Du hast etwas undurchsichtig gefunden», half ihm Waltraud aus.  «Ja, richtig.  Was meinst du dazu: Dieser Lorenzo hat dir erzählt, dass der Mafioso – wie hiess der noch mal?»  «Giovanni.»  «– ah, also dass Giovanni hinter Francesca her war.  Nun traf er wohl nur Stefan Perrone an, wenn ich eins und eins zusammen zähle.  Die Leiche war mit Draht gefesselt und vergraben.  Die Polizei berichtet von einem Mafia-Mord.  Die Mafia als Hintergrund – das würde doch so etwas bedeuten wie Schutzgelderpressung, Drogengeschäfte – irgend etwas in diese Richtung zumindest.  Aber das hier war ein persönlicher Racheakt, wenn wir Lorenzos Geschichte vertrauen.  Stefan Perrone wurde mit einer Drahtschlinge getötet – ich hatte das Ding ja in meiner Hand.  Wieso sollte jemand von der Mafia ihn auf so eine typische Methode umbringen und dann noch vergraben?  Solche Morde sollen Zeichen für andere sein und nicht vertuscht werden.  Irgend etwas passt da  nicht.»

«Hmm, das mit der Schlinge stand nicht in der Zeitung», erwiderte Waltraud nachdenklich.  «War das so eine Schlinge um den Hals, deren anderes Ende um die Fussgelenke gebunden war?»  «Nach allem, was ich letztes Wochenende gesehen habe, war es so.  Ein Knochen ist mir ja sogar an den Kopf geflogen, der muss vom Unterschenkel gewesen sein.  Den Draht um den Hals – na ja, also was davon übrig war – habe ich auch gesehen.» «Das ist in der Tat seltsam», pflichtete ihm seine neue Duzfreundin bei.  «Diese Todesart mit dem Draht zieht sich hin, vielleicht über Stunden.  Vielleicht hat der Mörder die ganze Zeit daneben gesessen, auf den Tod seines Rivalen gewartet und so Rache genommen?  Bis dahin passt die Geschichte.  Aber warum sollte er die Leiche dann vergraben?  Das passt so nicht.  Ausserdem war Stefan ein paar Wochen später in den USA, wie konnte er da vorher in der Wetterau ermordet worden sein?  War es vielleicht doch jemand anders?»

erste SeitePage 12.

Seiten: 1 2 3 4

ein Kommentar auf "Grüsse aus der Wetterau (IV)"

  1. Rosemarie sagt:

    Hallo Herr Jermann,

    die Spannung steigt und steigt. Ich freue mich jetzt schon wieder auf die Fortsetzung. Einfach toll !!!

    MfG
    Rosemarie Tänzer

Schreiben Sie einen Kommentar