25. August 2010, von

Grüsse aus der Wetterau (V)

Albert Weiss hatte schon nach wenigen Wochen in der Abteilung gewusst, dass Peter Schmidt und er keine Freunde werden würden.  Zu unterschiedlich waren ihre Charaktere, ihre Talente, ihre Berufsauffassungen.  Zur Gewissheit war die Abneigung geworden, als ihn sein Chef vor einigen Monaten in einer Besprechung vor versammelter Mannschaft übel angeraunzt hatte, weil er ein paar Minuten zu spät gekommen war.  Dabei war er wegen einer Ermittlung unterwegs, zu der ihn der Kriminalhauptkommissar selbst geschickt hatte.

Dieser Vorfall war nur ein Ausdruck dessen, was auch jeder Kollege wusste:  Die beiden mochten sich einfach nicht.  Vielleicht lag es an Albert Weiss‘ Begabung, die sein Vorgesetzter bei seinen eigenen, eher begrenzten Fähigkeiten im Beruf als bedrohlich empfinden musste.  Der jüngere Polizist konnte komplexe Sachverhalte schnell begreifen, hatte ein gutes Gedächtnis, Gespür für Menschen und Situationen – alles Eigenschaften, mit denen Peter Schmidt wahrlich nicht im Überfluss ausgestattet war.  Dieser hatte seine bisherige Karriere bei der mittelhessischen Polizei vielmehr guten Beziehungen zu verdanken, die oft keinen ganz legalen Hintergrund hatten.

Gerne drückte er ein Auge zu, wenn jemand mit Einfluss in Konflikt mit dem Gesetz geriet.  Im Laufe der Jahre hatte sich so eine ansehnliche Sammlung von «Bekanntschaften» ergeben, die ihm Gefälligkeiten schuldeten.  Dass sich daraus über die direkten Kontakte hinaus ein noch weiteres Netz spinnen liess, hatte Schmidt nur durch Zufall entdeckt.  Es war eigentlich ganz einfach, das Schema immer ähnlich.  Er musste nur die Augen offen halten, Informationen sammeln und Verknüpfungen nachspüren.  Da gab es beispielsweise diesen Staatsanwalt, den er vor Jahren bei einer Trunkenheitsfahrt erwischt hatte.  Zu einem Verfahren kam es nicht, Peter Schmidt kehrte den Vorfall unter den Teppich – und der Staatsanwalt war ihm etwas schuldig.  Doch was sollte er von einem Staatsanwalt wollen?

Jahre später entdeckte der damalige Kriminaloberkommissar Schmidt den Nachnamen dieses Staatsanwalts beim Durchsehen eines internen Telefonverzeichnisses der Polizeiverwaltung.  Der Vorname war natürlich ein anderer – doch in solchen Dingen war Schmidt findig.  Bald hatte er entdeckt, dass es sich um einen Bruder des Staatsanwalts in einflussreicher Position in der Verwaltung handelte.  Einige Gespräche später wurde der Oberkommissar zur Überraschung der Kollegen zum Hauptkommissar ernannt – trotz vergleichsweise bescheidener Leistungen und einem Einsatzwillen, der weit hinter dem mancher Mitbewerber auf den Posten zurückblieb.

Peter Schmidt lebte in seinem Beruf nicht sonderlich auf.  Für ihn war es ein Broterwerb, mehr nicht.  Mit seinem Leben wusste er aber auch sonst nicht viel anzufangen.  Er interessierte sich für Autos, sah öfter die Nachmittags-Talkshows im Fernsehen und versuchte, sich im Trend der Zeit zu kleiden.  Nie hätte er sich vorstellen können, bei der uniformierten Polizei zu arbeiten.  Seine heimlichen Helden waren Crockett und Tubbs aus der Traumwelt der Fernsehserie Miami Vice, sein Traumauto deshalb natürlich ein Ferrari.

Doch die Realität sah anders aus:  Den Job erledigte er meist lustlos und in seiner Rolle als Vorgesetzter war er eine glatte Fehlbesetzung.  Er kümmerte sich kaum um das, was in seinem Dezernat vor sich ging.  Aus Albert Weiss‘ Sicht war das ein Glück, denn so hatte er mit seinem Chef wenig zu tun.  Der jüngere Polizist ging seinem Vorgesetzten möglichst aus dem Weg und das klappte ganz gut.

Allerdings:  Vergessen hatte er die Demütigung vor den Kollegen nicht, sie war wie ein Kratzer auf seiner Seele.  Dazu kam, dass Albert Weiss in gewisser Hinsicht Moralist war.  Peter Schmidt hatte von alledem keine Ahnung.  Für ihn lief das Leben von Tag zu Tag relativ emotionslos.  Dass jemand wie Albert Weiss eine eigene Agenda hatte und sich im Beruf ernsthaft engagierte – das kam ihm entweder nicht in den Sinn oder war ihm unverständlich.  Wetterauer Krimi: Grüsse aus der WetterauKommissar Weiss war es dagegen klar, dass sein Chef weder ein fähiger Polizist war, noch ein guter Vorgesetzter.  Wie sich Peter Schmidt trotz dieser Mängel auf seinem Posten halten konnte, mussten ihm nicht erst die Kollegen bestätigen.  «Der hat gute Beziehungen zur Polizeiverwaltung», hörte er während seiner zwei Jahre bei der Polizeidirektion Friedberg immer wieder.  «Klar», dachte Albert Weiss, «wie sonst sollte so ein Typ sonst in eine leitende Position kommen?»  Hinter verschlossenenTüren hiess es sogar ein wenig respektvoll:  «Mit dem Schmidt legt man sich besser nicht an.»  «Genau diese Buckelei bringt die Schmidts dieser Welt an die Macht», dachte er verbittert.  Ihm war diese Art von interner Korruption zuwider.

Kriminalhauptkommissar Schmidt musste diese Ermittlung selbst weiterführen, ob er wollte oder nicht.  Zu sehr hatte er in der Akte Perrone bereits manipuliert, Aussagen unterdrückt, wichtige Fakten nicht betont, offene Fragen nicht gestellt.  Ein weiterer Toter auf dem alten Hof in Solmsheim?  Wenn er Thomas Pipp dort raushalten wollte, dann war er gefordert.  Zum Glück hatte ihn ein Kollege, mit dem er sich ab und zu auf ein Bier traf, rechtzeitig informiert.  Und trotzdem:  Richtig vergrätzt war er über den zusätzlichen Wochenenddienst, wollte sich aber nichts anmerken lassen.

«Hallo Herr Hansen, wird das jetzt zur Routine?  Jeden Samstag eine Leiche?», meinte er betont entspannt – und Boy bemerkte das aufgesetzte Lächeln.  «Guten Tag, Herr Schmidt», antwortete er.  «Eigentlich habe nicht ich den Toten entdeckt, sondern Mike, Stefan Perrones Sohn», meinte er mit einer Handbewegung in Richtung des Sessels, in dem der Amerikaner sass.  «Waltraud Lührmann war ebenfalls dabei, eine Nachbarin – aber sie kennen sich ja», ergänzte er.  Schmidt trat in den Wohnraum ein und schaute kurz nickend zu Waltraud hinüber.  Seit sie ihn damals hatte abblitzen lassen, war ihr Verhältnis eher reserviert.

«Mike Perrone?»  Der Kommissar schaute ungläubig zu dem jungen Mann hinüber und zuckte zusammen.  Der junge Mann sah aus wie Stefan, damals, vor 20 Jahren.  «Was machen Sie hier?»  «Mike spricht kein deutsch», half Boy aus.  Der Polizist musste mühsam sein schlechtes Schulenglisch zusammenkratzen, um Mike zu begrüssen.  Dessen Zusammenfassung seiner Reise von Baton Rouge nach Solmsheim blieb für Schmidt Dank des Südstaatenakzents grösstenteils im Dunkeln.  Boy hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und beobachtete die beiden Männer.  Mike war sichtlich weniger bemüht, deutlich zu sprechen, als in den Unterhaltungen mit Waltraud und ihm.  Boy nahm das als verstecktes Kompliment.

Dem Kommissar dämmerte nun langsam, dass er selbst es war, der Mikes Reise ausgelöst hatte.  Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen und den Fall schnell in der Versenkung verschwinden zu lassen, hatte er einen Bekannten gebeten, ihm zu helfen.  Der Mann arbeitete beim amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt und schuldete ihm einen Gefallen.  Sein Sohn war in eine räuberische Erpressung von zwei jüngeren Mitschülern verstrickt.  Der Konsulatsmitarbeiter war auch jetzt – zwei Jahre später – immer noch heilfroh, dass sein missratener Spross in der Ermittlungsakte nicht auftauchte.  Eifrig kam er deshalb der Bitte des Polizisten nach, Stefan Perrones Verwandte in den USA zu ermitteln.  Viel zu schnell, wie Kommissar Schmidt jetzt fand.

Mit Erleichterung hatte er das Fax gelesen, in dem der Tod der Ehefrau Francesca berichtet wurde.  Dass der Sohn Mike, der sich an seinen Vater sicher kaum erinnern würde, irgendwie an dem Geschehen auf der anderen Seite des Atlantiks interessiert sein könnte, hätte er nie gedacht.  Das Mike sogar zum Begräbnis anreisen würde – darauf wäre er nie gekommen.  Die Anwesenheit des Sohns seines ehemaligen Freunds würde bestimmt nicht helfen, die Angelegenheit auf kleiner Flamme zu kochen.  Aber vielleicht ist das auch nicht wichtig, dachte Schmidt – hatte aber ein schlechtes Gefühl bei der Sache.  Mike würde vielleicht ein paar unangenehme Fragen stellen.

Die neue Leiche auf Thomas Pipps früherem Hof machte die Angelegenheit wahrlich nicht einfacher.  Die Techniker der Spurensicherung hatten ihre Arbeit bereits begonnen und auch der Kommissar war jetzt natürlich gefordert, ein wenig Aktivität zu zeigen.  Er schaute sich den Fundort des Toten an.  Die Kollegen hatten die Rigipswand mittlerweile fast vollständig entfernt – möglichst vorsichtig, damit Schutt und Staub keine Hinweise zerstören konnten.  Ein Techniker war bereits damit beschäftigt, die Steine aus der schlampig zugemauerten Öffnung des Pizzaofens herauszuziehen.  Der Mörtel bröckelte weg wie trockener Sand.  Schmidt schaute ihm über die Schulter:  Die Leiche war in erstaunlich gutem Zustand, aber an einigen Stellen sah sie aus wie angekohlt.  Er hatte keinen blassen Schimmer, wer das sein könnte.  Er würde sehr ernsthaft mit Tom reden müssen.

Boy betrachtete die vorsichtige Arbeitsweise der Kriminaltechniker mit Freude, auch wenn ihm wieder einmal ziemlich flau im Magen war.  Sein kurzer Traum eines alten, gemauerten Ofens und traditionell gebackener Pizza war schnell geplatzt, er würde ihn nicht benutzen wollen, nachdem dort jahrelang ein Toter gelegen hatte.  Waltraud, die barfuss mit angezogenen Knien auf dem Sofa für ihn fast schon ein vertrauter Anblick war, zeigte sich ebenfalls von ihrer blassen Seite.  Nur Mike Perrone war nicht sonderlich beeindruckt.  «Müssen wir jetzt hier bleiben?», richtete er sich an Boy.  «Ich weiss nicht.  Hast Du noch etwas vor?», fragte Boy zurück.  «Nein, ich dachte nur, dass es vielleicht Angenehmeres gibt, als den Bauarbeiten zuzusehen und dem Abtransport der Leiche.»  «Du hast Recht.  Ich werde mal fragen – alles ist besser, als hier herumzusitzen.»

Kommissar Schmidt hatte nichts dagegen, dass sich die drei entfernten.  Boy überlegte einen Augenblick, bevor er vorschlug:  «Mike, was hältst du davon, wenn wir auf den Dachboden gehen?  Da stehen noch haufenweise alte Sachen aus der Pizzeria herum – vielleicht erinnerst du dich ja noch an etwas aus deiner Solmsheimer Kindheit?»  «Keine schlechte Idee, vielleicht finden wir noch eine Leiche», meinte Mike, um die etwas verkrampfte Stimmung zu lockern.  Das misslang, wie ihn ein Blick auf Waltraud erkennen liess.

Boy erhob sich und schaute fragend zu ihr hinüber.  Waltraud schüttelte den Kopf: «Ich muss mal wieder zu Hause vorbeischauen.»  Was haltet ihr davon, nachher zum Abendessen vorbeizukommen?»  Boy war erfreut über die Einladung, denn er hatte die Stunden mit ihr genossen.  Mike dachte kurz an die nette junge Frau, die ihm den Weg zu Boys Hof gewiesen hatte.  Sie sah Waltraud ähnlich – ob das ihre Tochter war?  Vielleicht war er gestern abend aber auch nur zu müde gewesen und hatte sich geirrt.  Auf jeden Fall war er mehr als einverstanden mit Waltrauds Vorschlag.  «Kommt doch gegen halb neun vorbei», sagte sie und blätterte im Kopf bereits ihr altes französisches Kochbuch durch.

erste SeitePage 12.

Seiten: 1 2 3

ein Kommentar auf "Grüsse aus der Wetterau (V)"

  1. Rosemarie Tänzer sagt:

    Na toll,
    habe schon sehr auf die Fortsetzung Ihres Krimis gewartet. Vielen Dank
    und weiter so.
    LG
    Rosemarie

Schreiben Sie einen Kommentar