8. September 2010, von

Herzschlag

Natürlich macht Technik unser Leben einfacher, bequemer, lässiger, schöner, besser!  Wir leben gesünder durch die Errungenschaften der modernen Welt.  Kleine Rückschläge wie explodierende Kernkraftwerke, entwendete Geheimnummern von Kreditkarten oder nicht funktionierende Telefonverbindungen sind dabei zu vernachlässigen.

Mein Herz pumpert noch ganz gut, meinte der Arzt.  Trotzdem sollte da wegen irgendwas nochmal hingeschaut werden.  Ich werde zum Spezialisten überwiesen.

Wegen eines Termins rufe ich also dort an.  Es ist ständig besetzt.  Seit Stunden.  Natürlich weiss ich absolut sicher, dass die Schnicksen in der Arztpraxis ihren Kaffee ungestört trinken müssen, während sie vom gestrigen Besuch in dieser todschicken Boutique in Bad Homburg erzählen.  Patienten, die anrufen, stören da nur und so wird der Hörer neben das Telefon gelegt.  Das kennt man ja!  Mein Herzschlag erhöht sich leicht, der Blutdruck steigt.

Vermutlich ist man in der Arztpraxis jetzt gerade bei dem tollen Hutgeschäft mit den eleganten Mailänder Kopfbedeckungen angekommen.  Zu mir dringt allerdings nur das Besetztzeichen durch, dem ich aus Frust ein wenig zuhöre.  Plötzlich meldet sich eine blecherne Stimme:  «Möchten Sie den Rückrufservice der Telekom nutzen, dann sagen Sie jetzt bitte: Ja!»  Prima!  Ich sage sogar sehr erfreut: «Ja!»  Eine andere Stimme bürokratet mich daraufhin an:  «Das Dienstmerkmal ist aktiviert.»  Normaler Herzschlag, sinkender Blutdruck.  Gut!

Kaum drei Herzschläge später klingelt es.  Mein schwungvolles, extra gut gelauntes (man kann ja nie wissen, vielleicht ruft die Bildzeitung an und möchte mich als Kolumnisten engagieren?) «Guten Morgen, hier ist Frank Jermann, danke für Ihren Anruf, ich hoffe, es geht Ihnen ebensogut wie mir, womit kann ich Ihnen helfen?» verpufft ungehört, ja bleibt teils sogar unausgesprochen.  «Der Rückruf wird aufgebaut», unterbricht mich eine emotionslose Stimme.  Ha, der Sieg der Technik!  Die Tresentanten haben die neue Paillettenbluse genügend bewundert, das Telefon freigegeben — und jetzt komme ich endlich durch.

Freizeichen!  Ich warte gespannt.  «Guten Tag, zur Zeit sind unsere telefonischen Abrufplätze alle belegt.  Unsere telefonischen Sprechzeiten sind …»  Ich höre der automatischen Ansage der Arztpraxis zumindest noch solange zu, bis ich bestätigt finde, dass man dort in diesem Augenblick auf Anrufe eingestellt ist.

So geht das jetzt seit Stunden.  Herzfrequenz und Blutdruck steigen seitdem kontinuierlich.  Vielleicht sollte ich deswegen mal zum Arzt gehen.  Die Telefonnummer habe ich ja schon — rufe ich doch am besten gleich mal an.

-fj

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