15. September 2010, von

Grüsse aus der Wetterau (VI)

Kriminalhauptkommissar Schmidt hatte ein verschwommenes Bild im Kopf.  Ihm war nicht klar, was damals in Solmsheim geschehen war – aber ein Teil der Geschichte wurde immer deutlicher:  Thomas Pipp hing tief drin in dieser Sache.  Er musste wissen, was die Rolle seines Freundes war und er würde es herausfinden.  Jetzt.  Sofort.  Ungeduld war eine treibende Eigenschaft des Polizisten.

Als er am späten Samstagnachmittag von Boy Hansens Hofreite wegfuhr, wählte er Thomas Pipps Nummer mit dem Autotelefon an.  Sein Freund meldete sich erst nach mehrmaligem Klingeln.  Er war mitten in den Vorbereitungen für das Abendgeschäft.  Die ersten Gäste würden gegen acht Uhr kommen und Schmidt sah ein, dass es tatsächlich ein schlechter Zeitpunkt war, um in dieser Sache weiterzukommen.  Die beiden einigten sich darauf, am nächsten Tag zu telefonieren.  Der Kommissar war nicht glücklich über die Verzögerung, er wollte endlich mehr Klarheit gewinnen – würde aber wohl oder übel bis morgen warten müssen.

Der Koch hingegen war heilfroh über das Einlenken von Schmidt.  Er ahnte, dass dessen plötzliche Anhänglichkeit kein gutes Zeichen war.  Eben hatte er noch in aller Ruhe den Lammbraten versorgt – jetzt überlegte er angstvoll, wie er aus der Solmsheimer Sache herauskommen könnte.  Immerhin konnte er nun bis morgen darüber nachdenken, was für seine Zwecke die beste Vorgehensweise wäre.

Wenn seine Beteiligung an den Vorfällen aufflog, konnte er nicht nur die Karriere im Fernsehen vergessen – auch die wirtschaftlichen Folgen waren für ihn unabsehbar.  Jahrelang hatte er kaum noch an die alten Zeiten gedacht.  Seit ein paar Minuten hatte er das Gefühl, dass ihn das Geschehen überrollen könnte.

«Verflucht!»  Übellaunig blickte er auf seinen linken Zeigefinger, aus dem das Blut über den Lammbraten lief.  Er hatte sich seit Jahren nicht mehr geschnitten.

Die S-Bahn nach Frankfurt verspätete sich um 10 Minuten.  Eine Gruppe biertrinkender Männer stand auf dem Bahnsteig.  Mike starrte sie im Vorbeigehen an.  Er kannte es aus den USA nicht, dass Alkohol in der Öffentlichkeit getrunken wurde.  «Is was?  Was gibs hier ssu guggn?», lallte ihn ein unrasierter Mann an.  Mike verstand natürlich kein Wort, doch Körpersprache und Mimik des Mannes waren eindeutig genug, dass er keine Freundlichkeit vermutete.  Das gerötete Gesicht und die fleckige Kleidung des Betrunkenen halfen zudem nicht, die Szene zu entschärfen.  Wortlos ging Mike weiter.  «Wenne was wills, komm bloss her!», tönte es schwerfällig-aggressiv hinter ihm.

Endlich rollte der rote Triebwagen in den Friedberger Bahnhof ein.  Mike war bis ans Ende des Bahnsteigs gegangen, um möglichst weit von den alkoholisierten Männern entfernt zu sein.  Jetzt musste er hinter dem letzten Wagen herlaufen, um den Zug zu erreichen.  Ausser Atem öffnete er die hinterste Tür und stieg ein.  Aus dem Eingangsbereich heraus beobachtete er, dass die Männer ihm immer noch nachschauten, aber auf dem Bahnsteig blieben und keine Anstalten machten, in den Zug zu steigen.  Der Wortführer goss Bier in einen weissen Plastikbecher und prostete ihm zu.  Mike atmete durch, als die S-Bahn langsam beschleunigte und das alte Bahngebäude an ihm vorbeizog.  Auf Höhe der Betrunkenen klatschte eine Ladung Bier gegen das Zugfenster, an dem er stand.  Heftig zuckte er zusammen.  Das Gegröhle der kleinen alkoholisierten Gruppe blieb schnell zurück.

Auf der rechten Seite sah er das riesige, verlassene Militärgelände der amerikanischen Armee.  Hier soll Elvis stationiert gewesen sein, hatte ihm Boy erzählt.  Elvis – das war für Mike eine andere Zeit.  Seine Mutter hatte das zwar gehört, doch er mochte diese seltsame, einfache Musik mit simplen Texten nicht.  Rap, vor allem Eminem, das war seine musikalische Welt.

Ihm gegenüber sass ein junges Mädchen mit diversen Piercings durch Lippen und Ohren.  Die Bässe hämmerten aus den kleinen Ohrhörern zu ihm hinüber, doch Mike konnte nicht erkennen, welche Musik sie hörte.  Elvis war es wahrscheinlich nicht.

Ab und zu sah er in der Entfernung die Silhouette Frankfurts und war erstaunt über die imposante Skyline.  Im Gegensatz dazu waren die Städtchen hier draussen klein und nicht spektakulär.  Immer wieder hielt der Zug, das einzig Vertraute waren für ihn die Graffiti an den Mauern.  Schon ab Bruchenbrücken versuchte Mike, die Ortsnamen auszusprechen.  Bad Vilbel – nach wem wohl diese Stadt benannt worden war?  Mike dachte an Bad, Bad Leroy Brown, das er in seiner Jugend öfter im Radio gehört hatte und musste schmunzeln.

Endlich rollte die Bahn in den Frankfurter Hauptbahnhof.  Hier entdeckte er wieder ähnliche Gestalten wie in Friedberg – allerdings eher versteckt, nicht so auffällig, was er auf die patrouillierenden Uniformierten zurückführte.  Einen Leroy Brown konnte er nicht entdecken.  Ob die Stadt so gefährlich war wie die Südseite von Chicago, dort wo der Antiheld aus Jim Croces Lied lebte?  Wohl kaum, dachte Mike.

Ein paar junge Leute wiesen ihm den Weg zur Strassenbahn der Linie 11.  Er musste bis zur Schwedlerstrasse fahren, soviel wusste er.  Am Vormittag hatte Boy die Route aufgeschrieben und ihm geholfen, den Namen der Station richtig auszusprechen.  Mike war sicher, dass es immer noch seltsam klang, wenn er sich daran versuchte.  Er erinnerte sich an seinen Fehler vom Flughafen, als niemand Solm-Sheim kannte.  War das wirklich erst zwei Tage her?

Eine freundliche Frau bot ihm Hilfe an.  Sie sprach passabel Englisch.  Mike zeigte ihr lieber seinen Zettel, als sich mit dem schwierigen «schw» zu blamieren.  «Ah, Schwedlerstrasse, I‘ll tell you when we‘re there, don‘t worry.  Where are you from?»

Mike erzählte ein wenig und wunderte sich über die extrem unterschiedlichen Reaktionen der Menschen auf seiner Reise.  Einerseits die Aggression der Männer am Bahnhof, jetzt dagegen diese freundliche Frau, die sich sogar für ihn interessierte.  Das ist wahrlich kein touristischer Ausflug auf dem Rhein, dachte er und beschloss, in Zukunft mehr zu reisen, mehr Erfahrungen zu sammeln, vielleicht sogar eine Sprache zu lernen.  «Here we are, Schwedlerstrasse», meinte die Frau schliesslich.  Mike stieg aus.

Zögerlich trat er in den Hof neben der Union-Halle.  Da Boy noch nie hier gewesen war, hatte er ihm auch keine weitere Beschreibung geben können.  Sein Blick strich über die grosszügigen Stufen des Schneidereigeschäfts, weiter links sah er die schön renovierten Backsteingebäude einer alten Fabrik.  Der Ort gefiel ihm.  Hier also sollte er das Restaurant finden, das seinen Namen trug: Perrone‘s Deli.  Am Abend vorher hatte Waltraud die Adresse im Internet herausgesucht.  Sie war überrascht über Toms Namenswahl für das Restaurant.  Seine erste Gastwirtschaft hatte er allerdings ebenfalls sehr anglophil At Tom‘s genannt.  Woher diese Vorliebe kam, hatte sie sich nicht erklären können – die jetzige Referenz an den gemeinsamen Freund noch viel weniger.

Mike fand das Restaurant nicht auf Anhieb. Links von ihm sah er eine Frau, die eine Kiste auf der Motorhaube eines grossen Dodges abstellte. Er ging in ihre Richtung. Als sie sich umdrehte, sah sie Mike direkt in die Augen. «Kann ich Ihnen helfen?», rief sie in seine Richtung. Mike ordnete ihren Tonfall als freundlich ein und ging lächelnd auf sie zu. «Do you speak English?» Die Frau bot ihm ihre Hilfe in bestem Oxford-Englisch an. Ich muss wohl sehr hilflos aussehen, dachte Mike.

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11 Kommentare auf "Grüsse aus der Wetterau (VI)"

  1. Hein Blöd sagt:

    …Oh NEEEEIIIIIIN!!!, bitte nicht!!! Doch nicht Mike. Wir haben
    ihn doch schon so ins Herz geschlossen…

    Im Ernst, Frank: genial geschrieben. Das ist echtes Talent.

    – HB

  2. Uta sagt:

    Hi Frank,

    ich habe es mit der pdf Version probiert, bin aber auch nicht ganz zufrieden. Ich lese ja häufig in der Badewanne und da macht sich einfach ein Taschenbuch besser. (Nein, es ist dabei noch nie ein Buch baden gegangen.)

    Also, wenn Du nach Kapitel 12 bitte nochmal darüber nachdenkst, ein „echtes“ Buch daraus zu machen! Sonst sehe ich mich ja gezwungen, meine lieb gewonnenen Lesegewohnheiten zu ändern …

    http://www.book-on-demand.de ist vielleicht eine Alternative (?)

    LG Uta

    • Frank J. sagt:

      Hallo Uta,

      ja, irgendwie wird es schon gedruckt werden — zumindest ist das der Plan. Alleine schon wegen der Badewannenleserinnen. Aber bei meinem momentanen Schreibtempo nicht vor 2011.

      Books on Demand sind relativ teuer zu produzieren, aber das wird bestimmt irgendwie klappen.

      Besten Gruss von

      Frank

  3. Michael sagt:

    Hey Frank! Jetzt wird’s aber allmählich mal Zeit für die nächste Folge! Ist das hier Karezza? Marsch an die Arbeit! :-)

  4. Frank J. sagt:

    Ooops! Tatsächlich?

    Folge VII kommt sofort, wenn ich die Steuererklärung fertig habe. Ich habe beim Finanzamt zwar um Aufschub gebeten, doch erstaunlicherweise liessen die Boy Hansens ungeduldige Fangemeinde nicht als Grund gelten …

    -Frank

  5. Alexander sagt:

    Für die, die es wie auch nicht wissen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Karezza
    ;-)

  6. Hein Blöd sagt:

    Karezza? You’re stuck? –> Caramba! Löst alles!

    – HB (wirklich SEHR gespannt auf die Fortsetzung!)

  7. Hein Blöd sagt:

    Und wenn er nicht gestorben ist, dann röchelt er noch heute…

    Aber was ist, wenn der See zufriert?

    In Sorge

    – HB

    • Frank J. sagt:

      Hallo Hein,

      ich freue mich über jede Nachfrage nach der Fortsetzung — zeigt das doch Interesse an meiner Arbeit. Ich bin sicher, dass ich über die Feiertage Kapitel VII fertigschreiben werde. Bis dahin ist Geduld angesagt. Danke!

      -Frank

  8. Hein Blöd sagt:

    Hallo Frank,

    was auch immer den armen Mike unter Wasser hält: Die allerbesten Grüße und Wünsche für das Neue Jahr — mit herzlichen Dank für die bisherigen Folgen und all die anderen großartigen Schätzchen, mit denen Du in den letzten Jahren das Netz bereichert hast.

    – HB

    P.S.: Hier hat der US-Dokumentarfotograf Thomas Hawk („The 100 Largest American Cities“) beinahe ein genau so gutes Bild wie ein gewisser anderer Künstler gemacht :-)

    • Frank J. sagt:

      Hallo Hein,

      vielen Dank für die guten Wünsche, das Lob und die nicht nachlassende Begleitung meiner kleinen Arbeit.

      Im Gegensatz zu Dir lasse ich nach. Warum? Nun, das Leben spielt so oft anders, als der Mensch denkt. Ab August tauchte — tatsächlich unerwartet — eine grössere Aufgabe aus dem Nichts auf. Die für Folge VII reservierte Zeit über Weihnachten fiel aus, weil mein Notebook fern der Heimat seinen Geist aufgab. Eine heftige Grippe lässt mich derzeit immer noch Leiden, wie nur Männer es können — und so ahne ich, dass die Bezeichnung Sommerkrimi mehr Bedeutung haben könnte, als ich dachte: Vielleicht geht’s erst im Sommer 2011 weiter?

      Ich zerbreche mir darüber aber nicht den Kopf, denn das Schreibstück ist eine prima Fingerübung, ich bin keine terminlichen Verpflichtungen eingegangen (was schade ist, aber die Lokalpresse war nicht interessiert) — aber selber viel zu neugierig, wie die Sache aus meiner Autorensicht weitergeht, als dass ich Boy, Mike, Frau Glober und all die anderen Charaktere vergessen werde.

      Irgendwann wird’s weitergehen — es muss nur passen.

      -Frank (der natürlich alle ausgesprochenen Wünsche gerne zurückgibt)

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