9. November 2010, von

Verständnis

Mit dem Journalismus ist das so eine Sache:  Über die Entsorgung des welken Kaktus auf Grossmutters Balkon schreibt niemand mit Begeisterung.  Dagegen ist eine Schlagzeile wie «Grossmutter wirft Kaktus von Balkon: Grüne Politiker schwer getroffen!» bei Journalisten deutlich beliebter.

So ähnlich ist auch das Zitat zu werten, das die Wetterauer Zeitung am 4. November 2010 veröffentlichte:


«Politisch passiert hier nichts, das Parlament ist eine tote Masse.»

Erwischt

Ja, es handelt sich um ein Zitat von mir.  Das wurde so sicher gerne und mit Absicht verwendet — um den Lesern etwas zu präsentieren, an dem sie sich möglicherweise mehr reiben können als an einem Bericht über die Einweihung eines Blofelder Hundeklos.  Was mögen die Leser denken über diese krasse Formulierung?

Da wird es — grob eingeordnet — zwei Meinungen geben:

  1. Richtig, auf den Punkt gebracht — oder:
  2. Welch eine infame Unterstellung!  Die gewählten Volksvertreter in der Reichelsheimer Stadtverordnetenversammlung als «tote Masse» zu bezeichnen — unglaublich!  Skandal!

Tja, die Meinungen werden geteilt sein — zu Recht.  Doch wurde der journalistischen Sorgfaltspflicht genüge getan, diesen Satz so zu drucken, ihn ohne Einbettung in den Zusammenhang zu veröffentlichen und mir zuzuordnen?

Nun, wohl jeder, der an diesem Abend am Tisch sass, hat meine Äusserungen zum Zustand des Stadtparlaments verstanden.  Die verantwortliche Journalistin, die diesen Blog aufmerksam verfolgt, ignoriert allerdings meine hier immer wieder dargelegte Ansicht zu dem beschämenden demokratischen Missverständnis innerhalb der Stadtverordnetenversammlung:  Meinungsfindung und Abstimmungsverhalten der Stadtverordneten widersprechen demokratischen Grundsätzen, Fraktionszwang regiert, nicht Sachverstand und Gewissen.  Über diese Missstände zu berichten wäre aber vermutlich — politisch nicht korrekt?

Im selben Artikel kann ich über mich lesen, dass ich mich «politisch nicht engagieren möchte».  Hmm, liebe Kollegin von der Wetterauer Zeitung, ich kratze mir den Hinterkopf:  So richtig verstehe ich das nicht.  Worauf wird hier abgezielt, wenn erneut Zusammenhänge und Fakten weggelassen werden?  Meine Aussage an jenem Abend war kaum missverständlich:  Ich möchte mich momentan nicht in einer Partei engagieren.  Daraus ein «politisch nicht engagieren» zu machen ist bei Kenntnis der Sachlage (und der Journalistin ist diese Sachlage bekannt) schon — gewagt.

Zur Verdeutlichung:  Seit geraumer Zeit verfolge ich die Reichelsheimer Politik, begleite sie ab und zu hier im Blog, beziehe Stellung, rede mit Politikern, werde von Parteien angesprochen, um Mitglied zu werden, leiste nun sogar einer Einladung zu dieser Versammlung der Grünen Folge — und das wird als «politisch nicht engagiert» bezeichnet?  Tja, liebe Kollegin — bei einem guten Glas Wein werden Sie mir das bestimmt einmal erklären können.  Ich schlage einen 2008er Castelmaure Grande Cuvée aus dem Corbières vor — der interessiert mich.  Allerdings muss ich dabei wahrscheinlich aufpassen, dass ich nicht in den nächsten Tagen etwas über Alkoholabhängigkeit lese:  Wetterauer Weltbilder im Suff!

Das grosse Netz ist geduldig:  Nun wissen also nicht nur die Wetterauer Zeitungsleser, dass ich mich politisch nicht engagiere, nein, auch in der Corbières oder nördlichen Lappland kann sich jeder Internetbenutzer aufgrund dieser klaren Fakten ein Bild über mich machen.  Saubere Arbeit, danke.

Ausgelassen

Dagegen wird der politische Alltag in Reichelsheim — und hier insbesondere Bürgermeister Bischofsberger — von derselben Journalistin in der Regel mit Samthandschuhen angefasst.  Folglich wird so manche Reichelsheimer Absurdität, die ich hier im Blog aufgezeigt habe, von der Wetterauer Zeitung nicht einmal ansatzweise erwähnt.  So passt es auch in das Bild, dass der Bürgermeister in derselben Veranstaltung die Arbeit der Stadtverordnetenversammlung lediglich als «Aussendarstellung politischer Entscheidungen» einstufen konnte, ohne dass die Wetterauer Zeitung darüber auch nur einen Halbsatz druckt¹.

Als diese Äusserung des Bürgermeisters in meinen Kopf drang, konnte ich kaum glauben, was mein Hirn mir meldete.  Erst nachdem ich mich bei anderen Teilnehmern der Versammlung im Nachhinein erkundigt hatte, wurde es Gewissheit — ich hatte mich nicht verhört:  Bertin Bischofsberger stuft die Stadtverordnetenversammlung tatsächlich als Marketinginstrument der Stadt Reichelsheim ein.

Ein Missverständnis?  Nein, da gab es keinen anderen Zusammenhang, nichts ist herausgetrennt worden aus seinem Wortbeitrag.  Die klare Aussage des Bürgermeisters war:  Politische Entscheidungen in Reichelsheim werden in Ausschüssen getroffen, die Stadtverordnetenversammlung diene lediglich dazu, die Ergebnisse nach aussen hin zu präsentieren.  Bedarf es wirklich erst eines Blicks in §§ 50 ff der Hessischen Gemeindeordnung, um zu belegen, dass diese Ansicht nicht haltbar ist?

Ich halte es für einen Skandal, wenn der Bürgermeister das Gremium, das ihn kontrollieren soll, letztlich nicht anders als eine Marketingtruppe ansieht.

Andererseits: Dass diese Gruppe von gewählten Bürgern Entscheidungen nicht mehr selber trifft, sondern nur noch hübschend verkaufen darf — vielleicht stimmt das ja aber sogar?  Hat der Bürgermeister nur ausgesprochen, was gängige Praxis ist?

Als Wähler hoffe ich, dass dem nicht so ist  — und ich habe weder Verständnis für die Einordnung durch Bertin Bischofsberger, noch dafür, dass die Wetterauer Zeitung hierüber nicht berichtet — statt dessen aber eine völlig nebensächliche und zudem falsche Einordnung meiner politischen Aktivität vornimmt.

Bitte haben sie, liebe Leserinnen und Leser, Verständnis für mein Unverständnis — auch wenn es teils in eigener Sache war.  Das musste mal raus.

-fj

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¹ Zu Recht wurde ich darauf hingewiesen, dass die Wetterauer Zeitung das Thema durchaus erwähnt hat.  Ich habe schlampig formuliert.  Was ich ausdrücken wollte (und das wird im Laufe meines Artikels hoffentlich deutlich), ist das Verhältnis der Berichterstattung:  Die skandalöse Einordnung des Bürgermeisters wird beiläufig eingeflochten, Nebensächlichkeiten wie besagtes Zitat werden dagegen fast reisserisch benutzt.  Trotzdem: Asche auf mein Haupt, das hätte ich besser schreiben können …

Dabei helfen können hätte die verantwortliche Journalistin der Wetterauer Zeitung:  Vor der Veröffentlichung habe ich ihr meinen Artikel zur Stellungnahme zukommen lassen.  Bedauerlicherweise gab es bisher keine Reaktion.

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