22. Dezember 2010, von

Eiskalt berichtet

Manchmal wundere ich mich, warum die Medien nicht jeden Montag mit dieser sensationellen Schlagzeile aufmachen:

Der Tagesspargel

Noch gibt’s das nicht, aber ich bin fast sicher:  Reporter werden bald spannende Berichte aus der Kirche verfassen, Fernsehteams im kleinen Heuchelheimer Gotteshaus auftauchen und den überraschenden Moment des gemeinsamen Murmelns christlicher Beschwörungsformeln tagesaktuell und exklusiv einfangen.

Wie ich darauf komme?  Nun, bei der morgendlichen Lektüre der Wetterauer Zeitung stosse ich auf Beiträge, die vermuten lassen, dass berichtenswerte Ereignisse rar werden.  Dieses Vakuum wird aufgefüllt mit so spannenden Artikeln wie

«Unfreiwillige Abenteuerfahrt von Paris nach Hamburg»

(Quelle: Wetterauer Zeitung online vom 19.12.2010)

Welch ein journalistisches Juwel die Deutsche Presseagentur (dpa) da durch den Ticker an die Wetterauer Zeitung geschickt hat!  Eine Reise verlängert sich, weil das schneereiche Winterwetter zu Flug- und Zugproblemen führt.  Sensationell!  Aus der Fahrt zwischen den zwei Metropolen macht die dpa eine «Odyssee», weil der Reisende Michael Kröher fast 24 Stunden unterwegs war.  Beeindruckend!

Wie jedesmal, wenn ein paar Flocken unsere hochtechnisierte Welt verlangsamen, ja, manchmal sogar lahmlegen, schauen einige Menschen so erstaunt drein wie ein Neugeborenes nach dem ersten Eindruck vom Kreisssaal.  Der neue Erdenbürger hat sicher allen Grund loszubrüllen, wenn er zu ahnen beginnt, dass Sozialabbau und Staatsverschuldung sein Leben bestimmen werden — denn er ist ja nicht freiwillig hier und hatte, geborgen im Mutterleib, keinen blassen Schimmer dort von dem, was sich da plötzlich vor ihm auftut.

Wie aber kann man als Reisender mit Zugriff auf den Wetterbericht unvorbereitet sein, wenn Flugzeuge nicht mehr starten, Züge verspätet fahren oder Strassen unpassierbar sind?  Eigentlich kann man von all dem nicht überrascht werden, oder?

Blick vom Vogelsberg

Wird man dann trotzdem erwischt von ein wenig Unbill, dann steht allerdings schon ein Reporter bereit und berichtet.  Wir hören den Begriff «Chaos» von gestressten Wohlstandsbürgern, weil Schlangen an den Schaltern lang und Flüge ausgefallen sind.  Jaja, niemand übernachtet gerne auf einem Feldbett in der Wartehalle — aber verlieren wir nicht ein wenig den Blick für die Relationen, wenn aus dreissig Zentimeter Schnee so ein mediales Drama gemacht wird?

Chaos herrscht nach einem Tsunami im Pazifik, nach einer Überschwemmung eines Grossteils Pakistans oder nach einem schweren Erdbeben, wenn man Naturereignisse betrachtet.  Ein ausgefallener Nahverkehrszug von Friedberg nach Friedrichsdorf oder der abgesagte Flug von Frankfurt nach Brüssel wegen ein paar Zentimetern Schnee hat eine andere Dimension für die betroffenen Menschen.

Blick vom Vogelsberg in die WetterauDie weisse Front — unser fehlendes Gespür für Schnee ist ein gut anzuhörender Beitrag des Hessischen Rundfunks (hr), der dieses Thema beleuchtet.  Es wäre schön gewesen, hätten sich die Journalisten der dpa vor dem Bericht über Michael Kröhers Reise die Zeit genommen, um einmal auch nur ansatzweise so grundsätzlich über das Thema zu sinnieren, wie die Redakteure des hr es hier getan haben.  Aber innehalten, nachdenken, sich Zeit zu nehmen, all das ist in unserer Gesellschaft nicht mehr sehr verbreitet.  Journalisten machen da bedauerlicherweise häufig keine Ausnahme.

Die Medien verschnaufen nicht, es muss weitergehen, immer weiter.  Wenn es keine Nachrichten gibt, dann nimmt man, was kommt.  Neben Wettergeschichten sind auch Politikeraussagen gut geeignet.   Deren ab und zu abgesonderte Hohlphrasen werden kommentarlos notiert und gedruckt.  Jede Platitüde ist gut genug für eine Aufnahme in die mediale Wertschöpfungskette — und das passiert allzu häufig ohne Einordnung in Zusammenhänge oder gar eine eigene Denkleistung über Grundsätzliches zum Thema.

Auch aus selbstverständlichen Aussagen (um den Begriff Banalitäten zu vermeiden) von Politikern aus unserer Gegend wird so eine brisante Meldung.  Die neuste Blüte fand ich in einem Artikel über die kürzliche Versammlung der Reichelsheimer Stadtverordneten.  Die Wetterauer Zeitung berichtete so:

«Die Stadt soll attraktiv für Familien bleiben und für Gewerbetreibende werden — darauf haben sich die drei im Parlament vertretenen Fraktionen in ihren Beratungen zum Haushalt 2011 geeinigt.»

(Quelle: Wetterauer Zeitung online vom 18.12.2010)

Tja, grosse Worte.  Überraschend zudem, oder?  Wer hätte das erwartet von unseren Politikern?

Es ist erstaunlich, dass sich aus einem solchen Selbstgänger eine Schlagzeile machen lässt.  Eine Aussage wie

Reichelsheim wird für Familien unattraktiv, Gewerbetreibende sollen vergrault werden

wäre eine Meldung — aber kein Volksvertreter mit einem Funken Verstand wird so etwas denken oder auszusprechen wagen.  Ein Herz für Familien und die Unterstützung für Gewerbetreibende sind in der Lokalpolitik unabdingbare Vorausetzungen, um überhaupt gewählt zu werden.

Hübsche Allgemeinplätze sind Trumpf, wenn sich die Verantwortlichen zusammensetzen.  Visionen?  Konkrete Zukunftspläne?  Eine Strategie, um die Bürger wieder mehr einzubinden in die Geschicke der Stadt in einer Zeit mit schwierigen finanziellen Aussichten?  Fehlanzeige!  Und die Medien?  Sie nehmen was kommt, ohne Kraft zur Reflektion, ohne Hilfe bei einer Einordnung der Aussagen für die Leser.

Vielleicht sollte ich mich einreihen in diese Art der Berichterstattung?  Vielleicht versuche ich es mit einem rechtzeitigen Bericht über den kommenden Sommer:

Alle stöhnen unter der Hitze!

Mit dieser Schlagzeile bin ich heute allen Medien weit voraus.  Nichts anderes wird in sechs bis acht Monaten die Seiten füllen.  Egal ob warm oder kalt:  Es gibt immer einen Anlass, das Wetter zu monieren.  Mediale Wehklagen über die unerträglichen Allgemeinplätze von Politikern sind dagegen so rar wie momentan Schneeschieber in der Wetterau.

-fj

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