15. März 2011, von

Jonas wählen?

«Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen.»

Dieses Zitat stammt von Hans Jonas, einem Philosophen.  Auch bei mehrmaligem Lesen entdecke ich keine Schwäche in dem Gedanken.  An Tagen wie diesen ist es eine Freude zu sehen, dass es Menschen wie Jonas gab, die verstanden haben.

Wir werden gern regiert

Bedauerlicherweise haben Philosophen aber nur einen sehr begrenzten Einfluss auf unsere Gesellschaft.  Diesen Einfluss üben bei uns Wirtschaftsbosse, Lobbyisten und Politiker aus — vermutlich stimmt sogar die Reihenfolge der Erwähnung mit der Qualität des Einflusses überein.  Die Wirtschaftsbosse tauchen meist bei Anne Will und ihren artverwandten Schau-Talkern nach 21:45 Uhr auf, wo sie ihre apokalyptischen Szenarien (Arbeitsplätze, Arbeitsplätze!) verbreiten.  Lobbyisten sind eher unsichtbar, verbringen ihre Abende wohl in abgeschiedenen Berliner Etablissements mit der sichtbarsten der drei, Spezies: den Politikern.  Diese Politiker sind mehr oder weniger ständig präsent — so bekommen sie logischerweise die meisten Prügel von Medien und Bürgern ab.

Nun hat sicher nicht jeder Politiker diese Prügel auch verdient, das steht ausser Frage.  Wenn allerdings die Kanzlerin und ihr Vizekanzler zu so bahnbrechenden Einsichten kommen, dass man nach den Vorfällen in Japan «nicht zur Tagesordnung zurückkehren» könne, und als Folge ein überwiegend zahnloses Moratorium verkünden, um die nächsten Wahlen einigermassen schadlos zu überstehen, dann erscheint ein mediales Draufhauen eher eine gemässigte Reaktion.  Als Angela Merkel gestern dann noch verkündete, dass die Sicherheit aller Reaktoren «ohne Tabus» überprüft werden solle, bestärkt sich der Verdacht, dass bisher lediglich die strahlenden Aussagen der Kraftwerksbetreiber nachgeplappert wurden, anstatt sachgerechte Sicherheitsanalysen durchzuführen.

Auch in der Wetterau

Lucia Puttrich: Wahlplakat 2009Auch die Wetterau trägt ihren Teil zu diesem Dilemma bei.  Lucia Puttrich aus Nidda ist seit knapp sechs Monaten Hessische Ministerin für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz — ein Umstand, der den Glauben an verantwortungsbewusste Postenvergabe nicht nährt:  Wie man mit so wenig fachlichen Kenntnissen all diese Bereiche verantwortlich übernehmen kann, ist unverständlich.  Frau Puttrichs Chancen, bei der jährlichen Tombola der Zahnärzte Timbuktus den Hauptpreis zu gewinnen, dürften unter sachlichen Gesichtspunkten grösser sein.

Alles wird besser?

In Japan explodieren seit einigen Tagen Atomkraftwerke — zur Überraschung aller.  Da ist es nicht gut, wenn man gerade das Loblied auf die deutsche Atomkraft hoch- und runtergesungen hat.  Also verleiht die Kanzlerin flugs ihrer wahltaktischen Betroffenheit mit einem vorläufigen Aussetzen der Laufzeitverlängerung für deutsche Atommeiler Ausdruck.

In so einer Situation kann die meist hölzern und unter Druck empört-verwirrt wirkende Frau Puttrich sich natürlich nicht verstecken.  Erstaunlich mutig tritt sie vor die Mikrofone und versteckt ihre mangelnde Kompetenz hinter technokratischen Aussagen.  Auf die Frage nach einer Abschaltung von Biblis A reagiert sie im Interview mit hr1 am Nachmittag des 14. März 2011 gebetsmühlenartig mit dem Hinweis auf die rechtliche Situation, die ein sofortiges Abschalten nicht erlaube (als wenn die rechtliche Situation die Bundesregierung gejuckt hätte, als sie den Atomkonsens unzulässigerweise im Alleingang kippte!).  Nicht verbrauchte Stromkontingente werden vorgeschoben.

Nicht mal 24 Stunden später verkündet Ministerpräsident Bouffier dann doch die Abschaltung von Biblis A — kein Glanzlicht für Frau Puttrich.  Ihre steife Stellungnahme verdichtet den Eindruck mangelnder Courage und des nicht vorhandenen politischen Gespürs der Ministerin:  Kein Wort war von ihr am Vortag zu hören, dass man trotzdem gerne hätte abschalten wollen.  Waren hier die Gewinne des Betreibers RWE wichtiger als die Verantwortung vor dem Volk?

Einen Tag vorher durfte die Ministerin sich sogar zusammen mit Ministerpräsident Bouffier blamieren:  So schwere Erdbeben wie in Japan oder gar Tsunamis seien in Hessen nicht zu erwarten.  Nichts gelernt Frau Puttrich?  Zu schnell «zur Tagesordnung zurückgekehrt»?  Zu wenig nachgedacht?  Nicht darauf gekommen, dass es die unerwarteten Dinge sind, die das Risiko darstellen:

  • Wie wäre es mit einem unerwartet schweren Erdbeben — das letzte, für unsere Verhältnisse überraschend schwere Beben liegt gerade einen Monat zurück.
  • Was ist mit einem unerwartet starken Rheinhochwasser?
  • Wie sieht es aus mit Selbstmordattentätern, die unerwartet ein Passagierflugzeug in den Reaktor steuern?

Und, Frau Puttrich:  Vermutlich haben sie vergessen, wie es zum Super-GAU von Tschernobyl kam?  Es war durchaus unerwartet, dass der Faktor Mensch dort bei einem Test dermassen dämlich war, dass das Szenario so ausser Kontrolle geriet, dass wir hier, ein paar tausend Kilometer entfernt, einen Sommer nicht auf Wiesen liegen konnten und bestimmte Lebensmittel noch jahrelang kontaminiert waren.  An die Toten und durch die Strahlung schwer erkrankten Menschen denken sie nicht, wenn sie der Atomindustrie mal wieder den Steigbügel halten, oder?

Ach, Frau Puttrich, wären sie doch lieber eine der stillen Lobbyistinnen geworden — da müssten wir ihre als Politikerin freimütig zur Schau gestellte Inkompetenz wenigstens nicht ertragen.

Was hätte Jonas getan?

Was hätte anstelle von Lucia Puttrich wohl ein Hans Jonas getan in dieser Situation?  Nachgedacht, analysiert?  Wäre er auf die Stimmung in der Bevölkerung eingegangen, hätte sich in verständiger, sensibler Weise geäussert — oder hätte er sich eiskalt auf irgendwelche (vielleicht nicht einmal zutreffende) „Fakten” beschränkt?  Die Antwort ahnen — ach was: wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser.

Und was tun wir?

In 12 Tagen wird in Hessen auf kommunaler Ebene gewählt.  Frau Puttrich steht diesmal nicht direkt zur Wahl — wohl aber ihre Partei und die Werte, die sie vertritt.  Schaut man auf die anderen politischen Optionen, so macht sich ebenfalls keine echte Freude breit.  Was macht da der Wähler?

Nun, zwar kann man durch seine Stimme keine Gruppe begeisterter, innovativer, fachlich versierter, kluger, nachdenklicher und ehrlicher (Gruss an Herrn Dr. Guttenberg) Menschen in die kommunale Vertretung hieven — doch man kann einen Trend unterstützen.  Einen Trend, dem sich die Puttrichs dieser Welt mit einer unglaublichen Ignoranz entgegen stellen.  Oder anders und kurz formuliert:  Es ist ein guter Zeitpunkt, um eine Quittung zu verteilen.  Dass das nur die bessere aller schlechten Möglichkeiten ist, wissen wir.

Deshalb werden Sie nicht überrascht sein:  Wenn ich könnte, würde ich Hans Jonas wählen.

-fj

6 Kommentare auf "Jonas wählen?"

  1. Andreas Möschl sagt:

    Hallo, du darfst die Meinung die Frau Puttrich vertritt (vertreten muss) nicht verallgemeinern. Ich selbst bin in die CDU eingetreten um dafür zu sorgen, dass der Echzeller Bürgermeister so schnell wie möglich abtreten darf. Ich habe in den Programmen der Parteien überregional und lokal nachgeschaut, war nicht mit allem einverstanden – habe aber bei der Echzeller CDU die größte Übereinstimmung gefunden. Dass heisst aber ausdrücklich nicht, dass ich mit allem was die CDU bundesweit entscheidet einverstanden bin. Ganz im Gegenteil – aber das ist ja auch das Schöne an der Kommunalpolitik.
    Ich hoffe in erster Linie, dass es den Japaner(inne)n bald besser geht und dass die SChäden nicht so gravierend werden wie es jetzt vielleicht aussieht. Dazu finde ich die Vorschläge von Herrn Oettinger gut, alle europäischen AKW’s mit gleichen Standards zu überprüfen – da wird man (hoffentlich) sehen können, dass die deutschen AKW noch mit die sichersten sind – verglichen z.B. mit denen in der Slowakei, die analog zu dem Tschernobyl-Modell gebaut sind …

    Ciao

    Andreas

    • Frank J. sagt:

      Ja, Andreas, es ist merkbar Wahlkampf. ;-)

      Ich komme hier in Reichelsheim mit Menschen aus unterschiedlichen politischen Richtungen klar. So rede ich auch mit CDUlern, die wegen Frau Puttrichs peinlicher Auftritte schon mal in ein betretenes Schweigen fallen (wenn es um den hiesigen Bürgermeister geht, ist das ja genauso). So ist es in der lokalen Politik — das ist auch gut so.

      Und: Niemand wird mit den Inhalten einer Partei zu 100 % übereinstimmen. Das ist auch nicht notwendig, um trotzdem eine solche Organisation zu unterstützen.

      Hier und heute geht es aber nicht darum, sondern um die immerwährende Verflechtung der Partei CDU mit den Interessen der Atomwirtschaft, der unverantwortlichen Laufzeitverlängerung, dem Festhalten an Beschwörungsformeln wie „unsere Atomkraftwerke sind sicher“ und „Atomstrom ist günstig“. Auch hinderte die seit Jahrzehnten ungeklärte Entsorgungsfrage die CDU nicht, die Verlängerung der Laufzeiten durchzudrücken — weitere unrühmliche Details erspare ich Dir und mir.

      Wo ist die Basis bei der CDU, die sich gegen diese Wirtschaftshörigkeit um (fast) jeden Preis ausspricht? Wo sind die Mitglieder, die aufstehen und auf die Atomlobbyisten der CDU zeigen, wenn sie so inkompetent sind wie Frau Puttrich? Wir reden hier über mehr als eine Vogelgrippe oder Dioxineier, Andreas, es geht um das Risiko von tausenden Toten, von Menschen, die durch die Strahlungen ein erbärmliches Leben erwartet. Tschernobyl und die Opfer sind wohl bei vielen verdrängt worden, oder?

      Man kann nach der Katasrophe von Japan nicht zur Tagesordnung übergehen, damit hat Frau Merkel recht. Deshalb hege ich die Hoffnung, dass ihrer Politik und ihrer Partei in den anstehenden Wahlen die Grenzen aufgezeigt werden. So wie es aussieht, ist der Bundesmichel diesmal möglicherweise zum richtigen Zeitpunkt aus seinem Fernsehsessel aufgeschreckt.

      Wenn diese alten „christlichen“ Seilschaften sich allerdings bei den nächsten Wahlen bestätigt sehen, dann wird sich auch Bezug auf deren Atompolitik wenig ändern.

      -Frank

  2. Frank J. sagt:

    Nachtrag: Deine Formulierung, dass die deutschen Kernkraftwerke (hoffentlich) mit die sichersten seien, lässt mich nochmal stutzen. Niemand bestreitet momentan die hohen Sicherheitsstandards in den japanischen Atomkraftwerken — und trotzdem droht dort ein Super-GAU.

    Bei der CDU ist es offenbar immer noch nicht angekommen, dass die Technik nicht beherrschbar ist. Da mögen die Kraftwerke noch so sicher sein — im Fall eines Unfalls drohen eben nicht nur ein paar kleine Kratzer auf den Helmen von ein paar Angestellten …

    Es ist letztlich gleichgültig, was diese geplanten Sicherheitsüberprüfungen ergeben werden, denn diese Materie ist vor allem wegen eines entscheidenden Faktors unsicher: Der Mensch ist das Problem.

    Warum stürzen die meisten Flugzeuge ab, wieso fährt der Transrapid in einen abgestellten Bauzug, was ist die Ursache für fast jeden Autounfall? Na? Du weisst es natürlich, es ist etwas, dass wir „menschliches Versagen“ nennen. Und das ist beim Betrieb von Kernkraftwerken nicht anders.

    Wenn Herr Oettinger das verstanden hätte, dann wäre er weniger euphorisch ob seiner aus meiner Sicht selbstverständlichen und seit Jahren überfälligen Vorschläge.

    -Frank

  3. kammer andreas sagt:

    Mensch Jermann ,hätte mich auch gewundert wenn du zu diesem Thema nichts zu sagen hättest. Lass dich wählen, dann kannst du alles besser machen. Die Grünen suchen so Leute wie dich.

  4. Frank J. sagt:

    Sehr geehrter Herr Kammer,

    drei Gedanken zu Ihrem kurzen Kommentar:

    1. Was haben Sie denn zu sagen zu diesem Thema?
    2. Da ich aus der Wetterau wegziehe, wäre es nicht seriös gewesen, mich „wählen zu lassen“.
    3. Ich glaube nicht, dass die Grünen mit mir glücklich wären.

    -Frank Jermann

  5. kammer andreas sagt:

    Hallo Herr Jermann, sie wollen wirklich aus der Wetterau wegziehen?.
    Welcher Kreis hat denn das Vergnügen. A.K.

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