5. August 2013, von

Weltbürger?

Die heu­tige taz ver­öf­fent­licht einen aus­ge­spro­chen lesens­wer­ten Kom­men­tar von Katja Kull­mann.  Das Thema ist die Glo­ba­li­sie­rung — und vor allem, dass diese Glo­ba­li­sie­rung von oben betrie­ben sowie meist aus west­li­cher Sicht defi­niert wird.

Wenn diese Vor­aus­set­zun­gen aller­dings in Frage gestellt wer­den — und Frau Kull­mann lockt die Leser in ihrem Ein­gangs­bei­spiel wun­der­bar auf einen mor­schen Steg — dann mer­ken wir, dass da etwas nicht stimmt mit unse­rem Welt­bild.

Dass die Auto­rin auch noch mit einem Lösungs­an­satz auf­war­tet, macht den Arti­kel dop­pelt inter­es­sant:  Der Welt­bür­ger wäre doch tat­säch­lich die kon­se­quente Wei­ter­ent­wick­lung der durch „die Märkte“ for­cier­ten Glo­ba­li­sie­rung, oder?  Wenn schon glo­ba­les Den­ken und Han­deln — warum dann nicht für jeden Men­schen und über­all?  Ob die Märkte das aller­dings gut hies­sen?

Der US-Poli­tak­ti­vist Garry Davis hat sich vor mehr als sech­zig Jah­ren etwas aus­ge­dacht — den Welt­bür­ger­pass:

Im Som­mer 1948, Europa liegt in Trüm­mern, platzt Davis, damals 26, in Paris in eine UN-Sit­zung und stellt sich als ers­ter offi­zi­el­ler „Welt­bür­ger“ vor. Sei­nen US-Pass hat er abge­ge­ben, statt­des­sen wedelt er mit sei­nem selbst gebas­tel­ten Aus­weis herum. Als Bom­ber­pi­lot hat er in Europa Tau­sende Zivi­lis­ten getö­tet und wurde selbst von den Nazis abge­schos­sen. Die neu gegrün­dete UNO soll sol­che Gräuel künf­tig ver­hin­dern – und Davis nimmt die Idee ein­fach wört­lich: Jawohl, eine demo­kra­ti­sche Welt­re­gie­rung für alle Bür­ger der Erde müsse her, und von ihm aus könne es gleich damit los­ge­hen.
(Quelle: Katja Kull­man, Welt­bür­ger, ver­ei­nigt euch!, ver­öf­fent­licht bei taz.de)

Ein schö­ner Gedanke, oder?  Uto­pisch, mei­nen sie?  Viel­leicht, aber wenn wir nicht ab und zu eine Uto­pie in unsere Köpfe lies­sen, dann wäre Arm­strong nicht zum Mond gera­delt, gäbe es kein Inter­net und in Paläs­tina herrschte kein Frie­den.  Herrscht auch nicht?  Um so wich­ti­ger, dass wir Uto­pien Rea­li­tät wer­den las­sen!

Fan­gen wir des­halb am bes­ten bei uns an:  Wir neh­men zu viel als — von oben — gege­ben hin.  Auf­ste­hen und etwas bei sich vor Ort machen, so wie Garry Davis — wäre das nicht auch für jeden Ein­zel­nen mög­lich?  Wie das zu machen sei, fra­gen sie mich?  Ganz ein­fach:

  • Nageln sie in Ihrer Gemeinde die Poli­ti­ker fest, wenn sie mal wie­der von Bür­ger­nähe und Trans­pa­renz reden — aber wenn es kon­kret wird, doch lie­ber Hin­ter­zim­mer­po­li­tik betrei­ben.
  • For­dern sie die Beach­tung der Men­schen­rechte auch in unse­rem Land ein, wenn bei­spiels­weise Spe­ku­la­tion mit Nah­rungs­mit­teln, die zu Las­ten der Ärms­ten der Erde gehen, in Deutsch­land nicht ver­folgt wird.
  • Fra­gen sie nach, warum ihre Volks­ver­tre­ter einem Frak­ti­ons­zwang hörig sind — obwohl der im Grund­ge­setz expli­zit aus­ge­schlos­sen wird.

Sie wer­den ver­mut­lich alleine sein, aber irgend­wer muss ja mal damit anfan­gen.

In ihrem eige­nen Leben geht auch was:  Begrei­fen sie nicht nur, dass „die Bedin­gun­gen von oben nach unten durch­dik­tiert wer­den“ (Kull­mann) — son­dern leben sie gegen diese Erkennt­nis, wo immer es geht.  Nicht mehr bei kik und Kon­sor­ten ein­kau­fen wäre ein Anfang.

Die Glo­ba­li­sie­rung, die wir alle als gege­ben neh­men und die höchst­wahr­schein­lich unab­wend­bar ist, sie sollte auf allen Ebe­nen und in alle Rich­tun­gen statt­fin­den.  Bis­her  und in ihrer jet­zi­gen Form dient sie nur den wirt­schaft­li­chen und macht­po­li­ti­schen Inter­es­sen Weni­ger.

Tra­gen wir sie also in unsere Gemein­den.

-fj

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