13. Oktober 2013, von

Nicht im Briefkasten

Alles ver­ge­bens!  Tycoone wer­den ver­zwei­felt auf­heu­len, wenn sie seine fein­sin­nige Finesse eines Tages ent­de­cken soll­ten.  Mana­ger wer­den ohne Hoff­nung aus den Fens­tern ihrer Büro­türme sprin­gen, wenn sie die Sinn­lo­sig­keit ihres Wir­kens begrei­fen.  Er wird sie alle besie­gen.

Ich bewun­dere sei­nen raf­fi­nier­ten Ansatz.  Er setzt Zei­chen, von Vie­len unbe­merkt — aber die Aus­wir­kun­gen wer­den dra­ma­tisch sein.  Er ist ein gros­ser Kämp­fer für eine bes­sere Welt.  Revo­lu­tio­nen begin­nen im Klei­nen und er hat es ver­stan­den:  unser Zei­tungs­aus­trä­ger.

Ah, sie, liebe Leser, ver­ste­hen nur Bahn­hof?  Nun, dann muss ich kon­kre­ter wer­den:  Eine ganze Indus­trie lebt davon, uns unver­langte Wer­be­blätt­chen zukom­men zu las­sen.  Diese oft­mals inhalts­lee­ren Druck­werke, wie bei­spiels­weise das Geln­häu­ser Tage­blatt Extra, stel­len eine für die poten­ti­el­len Leser auf den ers­ten Blick kos­ten­lose Auf­for­de­rung dar, irgend­wel­che Pro­dukte zu kau­fen.  Mas­sen­weise wird in unse­rer Repu­blik Papier bedruckt, um die Bür­ger davon zu über­zeu­gen, dass sie kon­su­mie­ren müs­sen.  Finan­ziert wird das — nein, nicht wie sie den­ken von den Unter­neh­men, die in die­sen Blätt­chen inse­rie­ren, son­dern — von den Kun­den, die diese Pro­dukte kau­fen.  Die Kos­ten für Wer­bung sind natür­lich ein­ge­preist in die Waren und Dienst­leis­tun­gen, die  ange­bo­ten wer­den.

Zwi­schen der Wer­bung sind zur Auf­lo­cke­rung ein paar Bei­träge plat­ziert, die den Lesern das Gefühl ver­mit­teln sol­len, dass es sich um eine „rich­tige“ Zei­tung han­delt.  Oft stel­len diese „redak­tio­nel­len“ Bei­träge aber auch nicht mehr als schlecht kaschierte Wer­bung für ein Unter­neh­men dar.

Das Kon­strukt ist ein Geschäfts­mo­dell zwi­schen Anbie­tern von Pro­duk­ten und Dienst­leis­tun­gen, dem Ver­lag und den poten­ti­el­len Kun­den, das nur dann funk­tio­niert, wenn genug kon­su­miert wird.  Kon­sum ist die Ersatz­re­li­gion unse­rer Zeit — an irgend­was muss auch ein gott­lo­ser Mensch schliess­lich glau­ben.  Kau­fen ersetzt beten — Indi­vi­duum und Gesell­schaft wird bei­des ver­mut­lich nicht viel hel­fen.

Und nun kommt er ins Spiel, der Zei­tungs­aus­trä­ger.  Offen­bar hat er das Pro­blem erkannt:  Kon­sum führt meist nicht zum Glück, macht aber abhän­gig und hält unser Hams­ter­rad in Bewe­gung.  Der Zei­tungs­bote weiss natür­lich, dass das gesell­schaft­li­che Pro­blem nicht nur genährt wird durch den Glau­ben an Kon­sum, son­dern auch durch das ewige Geplap­pere der Poli­ti­ker von Wachs­tum.  Wie wäre unser Leben gut, unsere Gesell­schaft gelas­sen, nicht vom stän­di­gen Geld­erwerb gehetzt, wenn wir aus­bre­chen könn­ten aus die­sem Kreis­lauf von Kon­sum und der not­wen­di­gen Arbeit, um all diese schö­nen Dinge zu erste­hen?

All das weiss unser Zei­tungs­zu­stel­ler die­ser Wer­be­blätt­chen — und er tut etwas gegen die Fehl­ent­wick­lung.  Er hat die Macht, denn schliess­lich hat er die ent­schei­dende Schlüs­sel­po­si­tion inne, ist er das ver­bin­dende Glied zwi­schen der Wer­be­ma­fia und dem End­kun­den.  Er kann mit wun­der­ba­rer Rafi­nesse ver­hin­dern, dass wir Kon­su­men­ten die­sem ewi­gen Mahl­strom der Wer­be­bot­schaf­ten hilf­los aus­ge­setzt sind.  Sie wis­sen immer noch nicht, was sein Geheim­nis, seine Methode ist?

Nun, dann ver­su­chen sie mal, die­ses zwi­schen den Zaun geklemmte, nasse Bün­del zu lesen, das dem Regen seit Stun­den aus­ge­setzt war und quart­sch­nass wie ein vol­ler Schwamm nur noch auf seine Ent­sor­gung war­tet!

-fj


PS.  Zur Ver­mei­dung von Miss­ver­ständ­nis­sen:  Nicht gemeint ist hier der von mir sehr geschätzte Zustel­ler der abon­nier­ten Tages­zei­tung (die ist aus Ber­lin und nicht aus Geln­hau­sen).  Diese steckt er stets ord­nungs­ge­mäss in den Brief­kas­ten — und im Gegen­satz zu den Wer­be­blätt­chen arbei­ten Jour­na­lis­ten für diese Publi­ka­tion und keine Anzei­gen­ver­käu­fer.

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