20. Dezember 2013, von

Lachen im Halse

Ernst wird nicht gewählt

Er war an die Stange des Stras­sen­schilds gefes­selt.  Das muss ein har­ter Bur­sche sein, dachte ich, denn er lächelte trotz sei­ner miss­li­chen Lage.  Ich hatte meine poli­tisch kor­rek­ten Minu­ten und unter­sagte es mir, Attri­bute wie aal­glatt oder win­dig in mei­nen Kopf zu las­sen.  Er lächelte so pro­fes­sio­nell, als wollte er die poten­ti­el­len Schwie­ger­müt­ter Völz­bergs für sich gewin­nen.  Oder mir einen Ver­si­che­rungs­ver­trag auf­schwat­zen.

Jeden Tag begeg­nete ich ihm von nun an.  Nach 48 Stun­den war mir der Gute-Laune-Blick zu viel und ich drehte das Pla­kat in Rich­tung Wand.  Noch mehr die­ser visu­el­len Gehirn­wä­sche und ich wäre in Ver­su­chung zu gera­ten, ihn anzu­ru­fen und nach einer Kapi­tal-Lebens­ver­si­che­rung zu fra­gen.  Als Schwie­ger­mut­ter kam ich ja schliess­lich nicht in Betracht.

Meine Ver­su­che, dem grin­sen­dem Wahl­kampf zu ent­ge­hen, waren erfolg­los:  Immer wie­der rotierte sich Dr. Peter Tau­ber in den Wind.  Sei­nem Lächeln konnte ich nicht ent­kom­men.  Jaja, ich weiss:  Ernste Men­schen wer­den nicht gewählt.

Nichts beein­druckte den Poli­ti­ker auf sei­nem wit­te­rungs­be­stän­di­gen Kunst­stoff­pla­kat.  Das ste­rile Plas­tik passte per­fekt zum ein­stu­dier­ten Lächeln.  Alles perlte an ihm ab — auch meine gene­relle Abscheu vor dem ste­reo­ty­pen Zäh­ne­zei­gen der Kan­di­da­ten auf den von unse­ren Steu­ern finan­zier­ten inhalts­freien Por­traitta­feln.  Wird nicht auch der Tod oft grin­send dar­ge­stellt?

Das Lächeln der Propheten

Dass es auch anders geht, bewies die SPD:  Deren Wahl­pla­kate rie­fen Bil­der von begeis­ter­ten, leim­ver­schmier­ten Orts­ver­eins­se­nio­ren in mir wach.  Sie mur­mel­ten Durch­hal­te­pa­ro­len und träum­ten von bes­se­ren Zei­ten, wäh­rend sie klas­si­sche Papier­dru­cke auf Press­pap­pen-Pla­kat­stän­der kleb­ten, die bereits zu Willy Brandts Zei­ten im Ein­satz gewe­sen sein muss­ten.

Der erste hef­ti­gere Schauer spülte die Pla­kate zwar — in pro­phe­ti­scher Erwar­tung der Wahl­nie­der­lage — auf den regen­nas­sen Boden.  Doch: Welch ein wohl­tu­en­des Gegen­mo­dell zu den gelack­ten Typen der Mit­be­wer­ber!  Bei genauem Hin­se­hen wurde aller­dings auch hier, am Boden, noch gelä­chelt — was ange­sichts der spä­ter fol­gen­den, aber natür­lich stets vehe­ment aus­ge­schlos­se­nen gros­sen Koali­tion eben­falls pro­phe­ti­sche Züge hatte.

Bet­tina Mül­ler, die SPD-Gegen­kan­di­da­tin,  unter­lag fol­ge­rich­tig dem bes­se­ren, naja, viel­leicht auch nur bes­ser lächeln­den sowie bes­ser auf­ge­stell­ten, hmm, auf­ge­häng­ten, nein ange­bun­de­nen Peter Tau­ber.  Uff, Poli­tik ist schwie­rig, merke ich.

Birstein in Berlin

„Für Birstein nach Ber­lin“ — so war Tau­bers Plan, den er pla­ka­tiv kund­tat.  Eine tolle Idee!  Ich fiebre den Über­tra­gun­gen im Par­la­ments­fern­se­hen ent­ge­gen, wenn der Bun­des­tag  über den neuen Rewe-Markt und Nut­zung der klei­nen Turn­halle Birsteins debat­tiert.

Das wird nicht pas­sie­ren, mei­nen Sie?  Ja, da haben Sie wohl Recht.  Aber zumin­dest der Teil mit Ber­lin stimmt doch:  Peter Tau­ber wurde in den Bun­des­tag gewählt. Was also wird Birstein davon haben, einen Grinse­ka­ter nach Ber­lin zu schi­cken?  Ich weiss es nicht.  Das ist aber ein guter Grund, ab sofort ein wenig hin­zu­schauen, was Tau­ber dort macht.  Und es ging ja gleich gut los!

Kaum war der Ver­trag zwi­schen Schwarz und Rot zuen­de­kol­labi…, äh -koaliert, gelang Tau­ber der erste Coup:  Er wurde zum Nach­fol­ger Grö­hes bestimmt und wird somit als Gene­ral­se­kre­tär in allen Medi­en­ka­nä­len Berühmt­heit erlan­gen.  Ach, wie wird das toll, wenn mit ihm end­lich einer in den Talk­shows sitzt, der inhalt­lich etwas zu bie­ten hat, anstatt nur vor­ge­fer­tigte Phra­sen ohne Bezug zu den Fra­gen zu dre­schen!  Um sei­nem Ver­spre­cher Ver­spre­chen an uns Birstei­ner gerecht zu wer­den, wird er Maus­win­kel  bei Maisch­ber­ger, Wett­ges bei Will, Het­ters­roth bei Hart aber fair bestimmt ab und zu erwäh­nen.  Schliess­lich ist er ja extra für uns …  Oder etwa nicht?

Kleine Stolperer

Bei allem Enthu­si­as­mus müs­sen wir aber hof­fen, dass Tau­ber zukünf­tig sorg­fäl­ti­ger arbei­ten wird, als er das in sei­ner jüngs­ten Mel­dung auf petertauber.de getan hat.  Er gibt dort seine Beför­de­rung bekannt und ich sto­cke bei dem Satz: „Bei der zurück­lie­gen­den Bun­des­tags­wahl ist uns genau das als ein­zigs­ten Par­tei gelun­gen.“  Nun, jeder der schreibt, kennt sol­che Feh­ler von sich selbst.  Ande­rer­seits:  Ob man als Per­son der Öffent­lich­keit wirk­lich nie­mand fin­det, der mal Kor­rek­tur liest?  Laut sei­ner Web­seite hat er ein Team von drei Mit­ar­bei­tern …

Was mich viel aber mehr inter­es­siert, wenn jemand aus der wei­te­ren Nach­bar­schaft Sie und mich in Ber­lin ver­tre­ten will, das sind die Inhalte.  Was eig­net sich da momen­tan bes­ser, als seine eigene Mel­dung, aus der ja auch das bereits oben bekrit­telte sprach­li­che Gestol­pere stammt, dar­auf­hin zu prü­fen?

Fundamentales Bullshit Bingo

Zuerst ver­fasst Tau­ber eine Kurz­ver­sion sei­nes poli­ti­schen Lebens­laufs.  Das liest sich gut und ist ohne Haken, wenn man der Jun­gen Union wohl­ge­son­nen ist.  Was Tau­ber vor­sichts­hal­ber weg­ge­las­sen hat, ist die für einen Poli­ti­ker mög­li­cher­weise bedeut­same Beschäf­ti­gung als Pres­se­spre­cher eines Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens („Struk­tur­ver­trieb“), das schon mal mit dubio­ser Bera­tung und hohen Spen­den an CDU und FDP auf­fiel.  Aber so ein Hin­weis in eige­ner Sache wäre ver­mut­lich genauso ver­trau­ens­bil­dend wie eine Ver­gan­gen­heit als Immo­bi­li­en­mak­ler oder Gebraucht­wa­gen­händ­ler.  Geschickt ist er also schon, der Tau­ber.

Doch nach die­sem klei­nen Weg­las­ser folgt nun end­lich der span­nende Teil: die Inhalte.  Gut, Inhalte hät­ten fol­gen kön­nen.  Statt des­sen wird da schwa­dro­niert, dass „es eine Stärke der Union ist, aus­ge­hend von einem fes­ten Wer­te­fun­da­ment prag­ma­tisch Her­aus­for­de­run­gen anzu­neh­men und Pro­bleme abzu­ar­bei­ten“.  Für gutes Bull­shit Bingo fehlt da noch das Wört­chen „nach­hal­tig“.  Also wirk­lich, Herr Tau­ber, das hät­ten sie doch auch noch rein­schum­meln kön­nen.

Das Fun­da­ment des neuen Gröhe „ergibt sich dar­aus, dass ich gläu­bi­ger Christ bin, His­to­ri­ker und Reser­ve­of­fi­zier“.  Was für eine beton­harte und doch fle­xi­ble Grund­lage!  Die andere Wange hin­hal­ten, von Ver­gan­ge­nem ler­nen und gleich­zei­tig wehr­haft sein — da wäre bes­ser er Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter gewor­den und nicht die von der Leyen, die zwar als Reserve(-Kanzlerin) bezeich­net wird, aber sicher nicht Offi­zier ist.

Nun, Jobs in der Poli­tik sind kein Wunsch­kon­zert.  Immer­hin ist „Gene­ral“ ja auch ein mili­tä­ri­scher Rang.  Und so ist es nur logisch, dass der neue Gene­ral­se­kre­tär Land­ge­winne anstrebt und Geg­ner bekämpft.  In sei­ner poli­ti­schen Mitte unse­res Lands darf es laut Reserve-Tau­ber nur eine geben: „… damit die CDU die ein­zige große Volks­par­tei der Mitte bleibt.“  Und Mer­kel ver­mut­lich mit­ten­drin, die in Europa „deut­sche Inter­es­sen wah­ren“ soll.

Weiter, immer weiter lächeln

Was für ein hüb­sches klei­nes Welt­bild, das der Tau­ber da bas­telt.  Kein gros­ser Wurf, der auf euro­päi­scher Ebene die Über­win­dung natio­na­ler Inter­es­sen favo­ri­siert oder in unse­rem Land das Gemein­wohl vor das der Par­tei stellt — womit er mir ein Lächeln ins Gesicht zau­bern könnte.  Nein, der junge Tau­ber zeigt mehr als ansatz­weise Reflexe, die einem bis­si­gen Alt-Kon­ser­va­ti­vem zur Ehre gerei­chen könn­ten.  Ich ver­mute, das ent­spricht nach Tau­bers Welt­bild den Erwar­tun­gen an einen Sekre­tär (latei­nisch: secre­tio „Abson­de­rung“; auch ein Sekret wird unwil­lent­lich abge­son­dert).

Nach die­ser kur­zen Bestands­auf­nahme erkenne ich, dass Tau­ber alles mit­bringt, was eine erfolg­rei­che poli­ti­sche Kar­riere benö­tigt.  Und falls er doch ein paar ernst­hafte Fett­näpfe erwischt und Frau Mer­kel ihm eines Tages ihr volls­tes Ver­trauen aus­spricht, dann kann er ja immer noch als Lob­by­ist in der Wirt­schaft wei­ter­lä­cheln.  Da wäre er ja schliess­lich nicht der Ein­zigs­ten aus sei­ner Par­tei.

Und jetzt dür­fen auch Sie ein wenig lächeln, liebe Leser.

-fj


 

Was bisher geschah:

  1. Tau­ber — für Birstein nach Ber­lin (19. Dezem­ber 2013)
  2. Lachen im Halse (20. Dezem­ber 2013)
  3. Ant­wort von Tau­ber (23. Dezem­ber 2013)
  4. Gerne gesche­hen, Tau­ber! (29. Dezem­ber 2013)
  5. Tau­ber, arbei­ten wir dran! (30. Dezem­ber 2013)
  6. Mir geht es gut (15. Januar 2014)
  7. Schnup­pern (19. Februar 2014)
  8. Ein­deu­ti­ger Bür­ger­wille? (4. März 2014)

2 Kommentare auf "Lachen im Halse"

  1. Peter Tauber sagt:

    Lie­ber Frank Jer­mann, den Blog­post habe ich mit Genuss gele­sen. Aber drei Anmer­kun­gen habe ich doch: Ers­tens ist es in der Tat so, dass gries­grä­mig und ernst schauen meine Sache nicht sind. Nie­mand mag Men­schen, die immer nur jam­mern und meckern oder? Sie ste­hen offen­sicht­lich so weit poli­tisch links, dass Ihnen Lebens­freude quasi per Defi­ni­tion ver­bo­ten zu sein scheint. Dafür habe ich Ver­ständ­nis, ob es ein mehr an Lebens­qua­li­tät bedeu­tet, bleibt Ihnen über­las­sen. Zwei­tens ken­nen Sie mich über­haupt nicht per­sön­lich und maßen sich ein Urteil über meine Per­son an. Das ist stark und mutig zugleich. Oder sollte ich sagen: typisch links? Drit­tens lie­gen Sie falsch mit der Finan­zie­rung der Pla­kate. Sie leben näm­lich trotz­dem des Bemü­hens offen­sicht­lich sehr inten­siv Ihre Kli­schees. Für meine Pla­kate wurde kein ein­zi­ger Cent an Steu­er­gel­dern aus­ge­ge­ben. Die sind wie mein gesam­ter Wahl­kampf von mir, den Par­tei­mit­glie­dern der CDU und Spen­den finan­ziert wor­den - und weil Sie bestimmt gleich anset­zen: Nein. Es sind keine Groß­spen­den der Indus­trie dabei, son­dern alles Beträge von Pri­vat­per­so­nen, die meine poli­ti­sche Arbeit unter­stüt­zen. Sie wer­den damit leben müs­sen, dass ich trotz mei­ner neuen Auf­gabe sehr oft in mei­nem Wahl­kreis sein werde. Viel­leicht sehen wir uns ja mal. Auf eine erste Begeg­nung wäre ich gespannt. Es grüßt Ihr Tau­ber

  2. Frank Jermann sagt:

    Mehr zum Thema fin­den Sie hier:
    Tau­ber, arbei­ten wir dran!

Schreiben Sie einen Kommentar