4. Januar 2014, von

Was zählt

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Sensationen

Es ist ein Phä­no­men, das es wohl schon immer gab: die Über­trei­bung.  Und wir lie­ben sie — auf irgend­eine Art — doch fast alle.  Des­halb las­sen wir uns bei­spiels­weise von Küchen­ge­schäf­ten-Fuz­zis sen­sa­tio­nelle Rabatte in die Ohren schwat­zen, ohne dass dies zu einer all­ge­mei­nen Äch­tung die­ser bil­li­gen Schumm­ler führte.  Und das wäre noch eine milde Reak­tion.

Tief in uns ahnen wir, dass nie­mand die­ser Spe­zies etwas zu ver­schen­ken hat — son­dern viel­mehr den sto­cken­den Ver­kauf eines über­teu­er­ten Pro­dukts ankur­beln möchte.  Trotz­dem:  Es könnte ja sein, dass etwas dran ist an die­sem Super­son­der­an­ge­bot — und das zu ver­pas­sen, das wäre so dumm wie ein Huhn, wel­ches das grosse Los nur frässe, statt es ein­zu­lö­sen.

Korrektiv

Um uns bei den wich­ti­gen Din­gen im Leben ein wenig zu hel­fen, sie auf ihre Wahr­haf­tig­keit zu unter­su­chen und auf ihren Kern zu redu­zie­ren, dafür gibt es die Nach­rich­ten.  Schliess­lich kön­nen wir Durch­schnitts­bür­ger nicht jeden Mel­dungs­pups selbst über­prü­fen.  Wir hof­fen also auf eine gewisse Glaub­wür­dig­keit die­ser Bot­schaf­ten — und wenn wir nicht gerade begeis­terte Anhän­ger von RTL2 oder ähn­li­chen Ver­dum­mungs­me­dien sind, dann ist diese Hoff­nung wohl nicht immer unbe­grün­det.  Flagg­schiffe jour­na­lis­ti­scher Arbeit im Fern­se­hen sind — im Ver­gleich mit den pri­va­ten Sta­tio­nen meist zu Recht — die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der.  Sie prä­gen unsere Wahr­neh­mung der Dinge, die da draus­sen pas­sie­ren.

Seid umschlungen!

Am 1. Januar 2014 war es wie­der so weit: „Am Bran­den­bur­ger Tor ver­sam­mel­ten sich mehr als eine Mil­lion Men­schen“, so der von der Nach­rich­ten­spre­che­rin Linda Zer­va­kis ab 12 Uhr ohne Scham­röte ver­le­sene Text in der ARD.  Im ein­ge­spiel­ten Film­be­richt waren es dann nur noch „hun­dert­tau­sende Ber­li­ner und Gäste“, die am Bran­den­bur­ger Tor ins neue Jahr hin­ein fei­er­ten.

Andere Medien wol­len da nicht hin­ten an ste­hen.  Wer liest schon die Mel­dung:

Almuth und Horst Huber aus Pan­kow fei­er­ten mit ihrem Hund Flo­cke ins neue Jahr.

So schrieb die Ber­li­ner Mor­gen­post vorab von erwar­te­ten 750.000 Besu­chern und war damit im Ver­gleich mit ARD auf der lang­wei­li­gen Seite.  So kauft denen nie­mand eine Küche ab.  Der Tages­spie­gel — ein wei­te­res Druck­werk aus der Haupt­stadt — zählte direkt vor Ort und kam rück­bli­ckend auch auf eine Mil­lion.  Eine Mil­lion ist beein­dru­ckend — wir sind schliess­lich wie­der wer und kön­nen auch beim Fei­ern inter­na­tio­nal mit­hal­ten.

Um bei ihren Lesern über­haupt mit­hal­ten zu kön­nen, rei­chen sol­che Zah­len für die Bild nicht aus.  Eine lächer­li­che Mil­lion, ha!  „Zwei Mil­lio­nen Besu­cher erwar­tet“, so über­schrieb bild.de die Aus­sicht für den Sil­ves­ter­tag.

Mit Asmuth rechnen

Der Natio­nal­stolz ist gerade ein wenig poliert — denn wir Deut­sche fei­er­ten laut Bild die grösste Sil­ves­ter­party der Welt — da kommt so ein Gereon Asmuth daher.  Asmuth arbei­tet für die ver­gleichs­weise kleine tages­zei­tung und hat eine ein­fa­che Rechen­auf­gabe erle­digt, auf die auch jeder andere Nach­rich­ten­re­dak­teur hätte kom­men kön­nen:

Der Ver­an­stal­ter der besag­ten Ber­li­ner Sil­ves­ter­party gab an, dass eine Flä­che von 80.000 m² zur Ver­fü­gung stand.  Eine Mil­lion auf die­sem Gelände — das wären also zirka 12 Men­schen pro Qua­drat­me­ter.  Wow!

Mit dem Schwager tanzen

Ver­su­chen Sie das mal bei ihrer nächs­ten pri­va­ten Jah­res­wend­feier:  Mit vier Metern Paket­schnur mar­kie­ren sie ein Qua­drat auf der Aus­le­ge­ware in der guten Stube und bit­ten neben Bowle und Blei­gies­sen auch noch zum Klam­mer-Blues auf die­sem Qua­drat­me­ter.  Selbst wenn nur die beschwipste Tante Frieda, die drei ver­zo­ge­nen Schwipp­nef­fen und der Küchen ver­kau­fende Schwa­ger mit­ma­chen, wird’s bereits mehr als eng.  Gut, der Schwa­ger ist etwas aus­la­dend um die Hüf­ten (gute Küche!), aber das ist nicht aus­schlag­ge­bend.  Es ist zu wenig Platz — und da jubelt uns Frau Zer­va­kis die dop­pelte Anzahl Besu­cher pro Qua­drat­me­ter unter?

Keine Mil­lion also?  Es war nur eine pope­lige Feier mit zwei-, drei­hun­dert­tau­send Freu­de­trun­ke­nen, die daheim kein gutes Sil­ves­ter­mahl berei­ten kön­nen, son­dern sich statt des­sen lie­ber vor dem Bran­den­bur­ger Tor be- und Heino schönsau­fen?  Alles nur Mar­ke­ting?

Ja, so ist es wohl, wenn der Ver­an­stal­ter bei mehr als vier Men­schen pro Qua­drat­me­ter die Tore schliesst, wie Asmuth berich­tet.  Da war keine Mil­lion Men­schen.  Aber es las sich und hörte sich eben so gut an für unsere am Neu­jahrs­mor­gen zwar bene­bel­ten, aber trotz­dem stets sen­sa­ti­ons­be­rei­ten Hirne.

Was zählt

Die Frage, die nach der Lösung die­ser eher simp­len Rechen­auf­gabe gestellt wer­den sollte, lau­tet nicht, wer zählt, son­dern:  Was zählt.  Ja, was zählt eigent­lich?  Wahr­heit?  Lügen?  Ehr­lich­keit?  Betrug?

Wenn uns der Küchen­ver­käu­fer erklärte, dass sein Super­son­der­an­ge­bot sowieso ein Laden­hü­ter war, die Preise eh viel zu hoch ange­setzt und vor der letz­ten Rabatt­ak­tion extra noch mal ange­ho­ben wur­den, damit man sie ohne Pro­bleme um 40 % her­un­ter­set­zen konnte, dann klänge das nicht gerade ver­kaufs­för­dend, oder?  So funk­tio­nie­ren weder unser Wirt­schafts- noch unser Gesell­schafts­sys­tem.  Wir Kon­su­men­ten wol­len das nicht wis­sen.  Glück­li­cher­weise will der Ver­käu­fer es uns auch nicht auf die Nase bin­den.

Es zäh­len also sowohl beim Absen­der als auch beim Adres­sa­ten eher Lügen und Betrug als Wahr­heit und Ehr­lich­keit.  Darin ist man sich still­schwei­gend einig.  Folg­lich ist die­ses Prin­zip in unse­rer Gesell­schaft weit ver­brei­tet.  Viele Poli­ti­ker ver­mei­den Wahr­hei­ten und flüch­ten sich in Pla­ti­tü­den.  Im bes­ten Fall sagen sie nichts.  Wenn’s schlecht läuft, lügen sie uns dreist an.  Erin­nern Sie sich noch an Mer­kel und Stein­brück, deren Aus­sage zu unse­ren „siche­ren Spar­ein­la­gen“?

Wird es irgend­wann ein­mal ein Umden­ken geben?  Ja, da bin ich sicher, jedoch wer­den wir dazu erst ein gesell­schaft­li­ches Fuku­shima benö­ti­gen.  Es gibt zil­lio­nen Berei­che, in denen wir uns — wis­sent­lich, ahnend oder bereits ver­blö­det — von schö­nen Mel­dun­gen blen­den las­sen.  Wahr­haf­tig­keit?  Das ist nicht unser Ding.  Ehr­lich­keit zählt nicht.  Und meist fin­den wir einen guten Grund, das schöne Blend­werk doch für mög­lich zu hal­ten — und wer­den uns gerne daran klam­mern.

Im kon­kre­ten Fall ist es eine Wohl­tat, dass der Mil­lio­nen­schwin­del auf­ge­flo­gen ist.  Nicht wegen des Ein­zel­falls oder weil das Thema wich­tig ist, son­dern wegen der Ten­denz, die wohl in jedem von uns wohnt.  Es ist gut, wenn wir daran erin­nert wer­den, dass es Medien gibt, die sorg­sam recher­chie­ren.  Das zählt ebenso wie Leser, die hin­ter einer Nach­richt erken­nen, was diese über den Zustand unse­rer Gesell­schaft aus­sagt.

Epilog

Wuss­ten sie eigent­lich, dass hier auf mei­nen Sei­ten jeden Tag eine Mil­lion Besu­cher vor­bei schauen?  Wenn Sie davon nicht beein­druckt sind und das für geflun­kert hal­ten, dann habe ich gute Chan­cen, Sie als Leser gewon­nen zu haben.  Falls Sie diese Zahl jedoch glau­ben, haben Sie sowieso nicht bis hier­her durch­ge­hal­ten.

-fj

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