17. März 2014, von

Zitaterismus

Ein gutes Zitat zur rech­ten Zeit — wer das drauf hat, der steht gut da in einer Dis­kus­sion.  Da ich für man­che Dinge ein schlech­tes Gedächt­nis habe, reicht’s bei mir meist nur zu „Mor­gen­stund‘ hat Gold im Mund“.  Glau­ben Sie mir, es ist nicht leicht, damit in einem Dis­kurs über die Krim­krise ernst­haft zu punk­ten.

Ande­rer­seits:  Ein pas­sen­des Zitat kann man sich auch selbst bas­teln.  Wer kann das Gegen­teil bewei­sen?  Ich versuch’s mal.  Wie wäre es hier­mit:

Bereits Lenin sagte: „Lasst die Krim den Krim­sern, äh, Kri­me­nen?  Kri­me­ria­nern?  Na, ihr wisst schon!“

Unwei­ger­lich wird meine Zuhö­rer­schaft in ein bewun­dern­des Stau­nen über so viel Bele­sen­heit, Wis­sen und den Mut ver­fal­len, dass ich mir die­ses Gestam­mel auch noch öffent­lich abringe.

Facebook ohne Zitate?

Zitate sind in.  Face­book lebt zu 98 % von Zita­ten.  Am bes­ten sind sie ein­ge­bun­den in eine Gra­fik, denn das ermög­licht selbst Men­schen, die ent­we­der nicht lesen kön­nen oder den Sinn eines Zitats im Zwei­fel sowieso nicht begrei­fen, wenigs­tens die hüb­schen Bild­chen zu tei­len.

Ohne Zitate könnte Zucker­berg sei­nen Face­book-Ser­ver­park samt Fest­plat­ten­spei­cher in einem Schuh­kar­ton unter­brin­gen.  Grösse 38 reicht.  Na gut, neh­men wir bes­ser Grösse 41 — ich habe die Kat­zen­bil­der ver­ges­sen.

Zitat in der Praxis

Jüngst — in einer Prä­sen­ta­tion der Zukunfts­werk­statt Birstein — wurde ein Zitat von Woody Allen benutzt:

„Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest mei­nes Lebens ver­brin­gen werde.“

Ein rich­ti­ger Gedanke, oder?  Zumin­dest auf den ers­ten Blick, denn:  Wer Woody Allens Arbeit ein wenig kennt, der weiss, dass er oft Wit­zi­ges, ja, Absur­des for­mu­liert hat, um auf das ver­nünf­tige Gegen­teil hin­zu­wei­sen.  Viel­leicht hat er den Satz also ganz anders gemeint?

Zudem ist das Zitat natür­lich aus dem Eng­li­schen über­setzt — wie lau­tet das Ori­gi­nal?  Ein Blick ins Inter­net lie­fert min­des­tens drei Ver­sio­nen (das ist lang­wei­lig, Sie kön­nen den Teil ruhig über­sprin­gen):

so gefun­den im Inter­net

meine Über­set­zung

„I think a lot about the future.  It’s where I’m going to spend most of my time.“

„Ich denke viel über die Zukunft nach.  Dort werde ich den Gross­teil mei­ner Zeit ver­brin­gen.“

„I think a lot about the future because I’ll have to spend the rest of my life in it.“

„Ich denke viel über die Zukunft nach, denn ich werde den Rest mei­nes Lebens darin ver­brin­gen müs­sen.“

„I think a lot about the future because that is the place where I will spend the rest of my life.“

„Ich denke viel über die Zukunft nach, denn das ist der Platz, an dem ich den Rest mei­nes Lebens ver­brin­gen werde.“

Das letzte „Ori­gi­nal“ dürfte die Grund­lage des Zukunfts­werk­statt-Zitats sein.  Ich habe es anders über­setzt („Ort“ ist hier sicher keine gute Wahl, „Platz“ trägt dem zeit­li­chen Cha­rak­ter der Aus­sage ein wenig mehr Rech­nung), was nicht ent­schei­dend ist — aber belegt, wie wack­lig die Grund­lage sol­cher über­setz­ten Zitate ist.  Wie viele Ver­sio­nen mag es noch geben — und wel­che ist das Ori­gi­nal?

Aus Sicht der Zukunfts­werk­statt ist das nicht wich­tig.  Es kam auf den Gag an und der ist gelun­gen.  Doch das Phä­no­men der Zitate­ri­tis beschreibt es schön:  Wer hat wann was gesagt, warum — und was wurde ursprüng­lich damit gemeint?

Eine belegte Quelle für das Woody-Allen-Zitat habe ich bis­her nicht gefun­den.  Wenn ich mir heute einen pfif­fi­gen Spruch aus­dächte, Woody Allen in den Mund legte und es als Bild­chen bei Face­book ver­öf­fent­lichte — wie lange dau­erte, bis es die Runde durch die Repu­blik gemacht haben wird?

Wie wär’s mit …, hmm, ääähhh, ja!: „Mor­gen­stund‘ hat Gold im Mund“?  Das ist garan­tiert von Woody Allen.

-fj

Schreiben Sie einen Kommentar