27. Oktober 2014, von

Tempo 30: Ein Jahr später

Nun, genau genommen ist der Beginn der Initiative 21 Monate her, die 30er-Schilder stehen zirka siebeneinhalb Monate.  Wie hat sich die Situation in Völzberg entwickelt?  Wagen wir eine Betrachtung.

Auswirkungen

Einen Teil ihres Zwecks erfüllen die Schilder eindeutig:  Es herrscht Klarheit darüber, dass auf den Dorfstrassen Birsteins nicht schneller gefahren werden darf als 30 km/h.  Es gibt keine Diskussion mehr, ob 40 oder 50 km/h „angemessen“ sein könnten. 

Und die gute Nachricht ist:  Es gibt eine Anzahl von Autofahrern, die sich an das Tempolimit hält.  Die manchmal zu hörende desinteressierte Haltung des „das nützt ja doch nichts, die fahren doch sowieso, wie sie wollen“ trifft also nicht auf alle Autofahrer zu. Dieser Eindruck deckt sich mit Untersuchungen, die eine mit der Zeit immer bessere Akzeptanz eines solchen Tempolimits festgestellt haben.

Auf der anderen Seite gibt es die Verkehrsteilnehmer, für die Vorsicht und Rücksicht auf andere Fremdwörter sind.  Teilweise wird auch auf  kurzen Abschnitten extrem beschleunigt, was wohl ein Ausdruck der Missbilligung der Temporegelung sein soll.  Diesen Verkehrsteilnehmern ist bewusst, dass irgendwelche offiziellen Kontrollen in Völzberg nicht stattfinden.  So können diese Raser weiterhin ungestört andere gefährden.  Ob nun von denen eine grössere Gefährung ausgeht als vor der Einführung von Tempo 30, das kann nicht mit Sicherheit beurteilt werden.

Die Meinungen zu der Massnahme sind im Dorf geteilt.  Sie reichen von Unterstützung über Teilnahmslosigkeit bis zu offener Ablehnung mit teils üblen Beschimpfungen.

Ungebremst vorwärts!

Dass die rücksichtslosen Raser nach wie vor auf Strassen unterwegs sind, die von Fussgängern jeden Alters benutzt werden, auf denen Kinder den Schulweg zum Bus nehmen, auf denen sie spielen und auf denen manches Tier läuft, spielt für diese Fahrzeuglenker offenbar keine Rolle.  Möglicherweise vertrauen sie auf ihr fahrerisches Geschick, ihre Erfahrenheit und eine Souveränität im Umgang mit dem fahrbaren Untersatz und der eigenen Interpretation der Verkehrsregeln?  Das klappt aber nicht immer, wie ein Unfall vom Anfang September 2014 zeigte.

Die Presse berichtete:

„Am Montag gegen 21.10 Uhr ist in Völzberg bei einem Unfall ein 17-jähriger Motorradfahrer aus Birstein schwer verletzt worden. Der junge Mann war mit seiner 125er SFM in der Mittelstraße unterwegs und missachtete die Vorfahrt eines 19-jährigen VW-Golf-Fahrer aus Birstein, der aus der Straße „Zum Ahl“ in die Mittelstraße einbiegen wollte. Bei dem Zusammenstoß verletzte sich der Motorradfahrer schwer. Er wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Der Schaden beträgt etwa 2000 Euro.“

Quelle: Gelnhäuser Neue Zeitung, 9. September 2014

Der verunfallte Motorradfahrer erlitt einen Beinbruch und Prellungen.  Ich wünsche ihm beste Heilung und alles Gute.  Der Autofahrer blieb körperlich unverletzt. 

Der Unfall ereignete sich nicht im Bereich der verkehrsberuhigten Strassen, sondern auf der innerörtlichen Kreisstrasse, auf der die allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 km/h gilt.  Die Gemeinde sieht sich für diese Strasse als nicht zuständig an, Polizei, Hessen Mobil und andere Beteiligte sehen keine Notwendigkeit für eine Verkehrsberuhigung.

Schuld sind die anderen

Interessanterweise wird zumindest von einem der Unfallbeteiligten verbreitet, dass eine Hecke eine grössere Mitschuld an dem Unfall trägt — und in diesem Zusammenhang natürlich die  für die Hecke Verantwortlichen.  Zu diesen Verantwortlichen gehöre auch ich.  Nun könnte eine in die Strasse ragende, ungeschnittete Hecke tatsächlich eine Gefährdung darstellen.  Wie den nachfolgenden Fotos zu entnehmen ist,  war die Hecke (gemeint ist hier die rechte) gestutzt und ragte nicht in die Fahrbahn hinein.

Unfallort auf Kreisstrasse in Völzberg

Die Hecke

Die Gemeinde bestätigt, dass die Hecke keine Behinderung darstelle, aufgrund derer Massnahmen vorgenommen werden müssten.

Auch kann man erkennen, dass man grundsätzlich ausreichende Sicht auf den Gegenverkehr hat.  Die Fotostrecke zeigt die Strasse aus der Sicht des verunfallten Motorradfahrers, der als Linksabbieger mit dem ihm auf der Vorfahrtstrasse entgegenkommenden Fahrzeug kollidierte.  Wie das Bild 4 zeigt, reicht die Sicht von der Fahrspur des Motorradfahrers aus ausreichend weit die Strasse hinunter — auch mit der Hecke.  Wir alle wissen:  Ist man sich wegen möglichen Gegenverkehrs trotzdem unsicher, so muss man langsamer fahren oder notfalls auch anhalten — so zumindest sollten wir das in der Fahrschule gelernt haben.

Nun fand der Unfall noch dazu im dunkeln statt, so dass Gegenverkehr alleine schon wegen des Scheinwerferlichts rechtzeitig erkannt werden sollte.  Trotzdem kam es zur Kollision.  Es spricht viel dafür, dass der verletzte Fahrer unaufmerksam war und nicht damit rechnete, dass ihm an dieser Stelle ein Fahrzeug dermassen entgegen kommen könnte, dass er mit diesem auf der Kreuzung kollidieren könnte.  Ob der andere Beteiligte zu schnell fuhr, dazu kann ich keine Aussage  machen.  Möglicherweise fuhr er nicht schneller als 50 km/h — aber für die Situation zu schnell? 

Hier nun der Hecke — die sich seit Jahrzehnten in dieser Kurve befindet — und damit auch mir als Eigentümer eine Mitschuld an diesem Unfall zu geben, erscheint konstruiert.  Offenbar ist man auf der Suche nach einem Sündenbock.  Eine eigene Verantwortlichkeit durch unangemessenes Verhalten im Strassenverkehr wird offenbar nicht oder nur bedingt in Erwägung gezogen.  Bereits an der Unfallstelle taten sich Verwandte des Unfallbeteiligten mit wüsten Beschimpfungen und Beschuldigungen hervor.  Das hat sich bis heute nur insoweit geändert, als dass mir mittlerweile auf offener Strasse körperliche Gewalt angedroht wird.

Auf Nachfrage am Tag nach dem Unfall bestätigten Gemeinde und Polizei, dass die Hecke keine Behinderung darstelle.  Eine Kürzung der Hecke sei nicht notwendig.  Das erscheint folgerichtig, denn wie wäre die Situation, wenn an der Stelle ein Haus stünde?  Wäre das abzureissen, nur damit Autofahrer mit höherer Geschwindigkeit abbiegen könnten?  Wie wäre die Situation mit einer soweit gestutzten Hecke, dass man zwar ein entgegenkommendes Fahrzeug über sie hinweg erkennen kann, nicht aber spielende Kinder oder Tiere?

Tempo 30 — eine Lösung?

Wäre dieser Unfall durch eine Tempo-30-Regelung auf der Kreisstrasse zu vermeiden gewesen?  Diese Frage lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten.  Insbesondere kann ich keine belegbare Aussage dazu machen, wie sich die Unfallbeteiligten in der konkreten Unfallsituation verhalten haben — und ob sie sich bei Tempo 30 anders verhalten hätten.  Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Unfall glimpflicher ausgegangen oder gar nicht passiert wäre, wenn an der Stelle ein Tempolimit von 30 km/h gewesen wäre.

Tempo 30: Hintergrund-​​Informationen

Der Anhal­teweg ist bei Tempo 30 deut­lich kürzer.  Jede Redu­zie­rung des Tempos erhöht die Überlebenschance.

Nicht nur die Folgen eines Unfalls mit geringerer Geschwindigkeit sind unbestreitbar weniger gravierend (siehe Kasten mit weiterführenen Links) — auch das Signal, das für einen vernünftigen Verkehrsteilnehmer von einer Temporeduzierung ausgeht, ist nicht zu unterschätzen:  Tempo 30 bedeutet schlicht, dass hier langsam und (noch) vorsichtig(er) gefahren werden muss.

Das gilt jedoch nur, wenn die Einsicht der Unfallteilnehmer vorhanden gewesen wäre, diese Geschwindigkeitsbegrenzung auch einzuhalten.  Aus eigener Wahrnehmung kann ich sagen, dass einer der Beteiligten eher sorglos unterwegs ist, der andere dazu neigt, deutlich zu schnell unterwegs zu sein — auch auf unseren Strassen mit Tempo 30.  Andere Dorfbewohner beschreiben seine Fahrweise weitaus drastischer.

Nun kann es hier aber nicht darum gehen, Verkehrserziehung zu betreiben — so sehr sie im Einzelfall auch angeraten erscheint.  Beide Unfallbeteiligten sind nette junge Menschen, die stets bereit waren, Nachbarschaftshilfe zu leisten, wenn ich darum bat.  Einsicht und Vernunft können aber nicht vom Nachbarn verordnet werden.  Auch diese ansonsten hilfsbereiten, grundsätzlich netten — und vor allem jungen — Dorfbewohner werden ihre Erfahrungen selber machen wollen und müssen.  Zur Nachhaltigkeit von Ermahnungen durch Ältere müssen wir uns nur an unsere eigene Jugend erinnern.  Also werden die beiden selbst erkennen müssen, was hier falsch lief.

Es bleibt etwas zu tun

Was aber getan werden muss, das ist, die gesamte Situation zu hinterfragen:  Die Reaktionen der Menschen im dörflichen Umfeld, die Sinnhaftigkeit der bereits erfolgten Temporeduzierung, mögliche Verbesserungen — und nicht zuletzt der Umgang mit dem Thema in den Gremien der Gemeinde:  Die Einführung von Tempo 30 in Birstein wurde ohne Konzept und ohne Kommunikation seitens der Gemeinde mit der Bevölkerung vorgenommen.  Dass es dazu Erfahrungen gibt, Ratschläge zur Vorgehensweise, Konzepte, damit die Bevölkerung die Massnahmen für mehr Sicherheit akzeptiert, das wurde seitens der Gemeinde ignoriert.

Die Beschäftigung damit wird zu leisten sein — an anderer Stelle.

Frank Jermann

Bisher erschienene Artikel zu dem Thema:

  1. Tempo 30: Ein Jahr später (27. Oktober 2014)
  2. [Update] Teilweise unerfreulich (11. März 2014)
  3. [Update] Stichwort: Langsam (30. Januar 2014)
  4. [Update] Es ist offiziell (13. Dezember 2013)
  5. [Hingeschaut] Bedrückende Parallelen (7. Dezember 2013)
  6. [Update] Teils, teils (6. Dezember 2013)
  7. [Update] Tatenlos zusehen? (3. Dezember 2013)
  8. [Update] Absurdes (2. Dezember 2013)
  9. [Update] Völzberger Ortsbeirat tagt (29. November 2013)
  10. [Update] Der Bürgermeister informiert (28. November 2013)
  11. [Update] Ja, nein, Gummibaum? (6. November 2013)
  12. [Update] FBG: Tempo 30 wird unterstützt (15. Oktober 2013)
  13. [Update] Ortsbeirat: Keine Neuigkeiten (7. Oktober 2013)
  14. Ü30/40/50-Party (3. Oktober 2013)
  15. Tempo 30 in Völzberg (20. Januar 2013)

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