23. Mai 2015, von

Live vom Eurovision Song Contest (2015)

Ein­lei­tung
Fast fünf Jahre spä­ter.  Am 29. Mai 2010 sass ich in Rei­chels­heim und kom­men­tierte von schwar­zen Sofa aus online den Euro­vi­sion Song Con­test.  Die uner­zo­gene Göre Lena Mül­ler-Land­ruth gewann damals mit ihrem dün­nen Stimm­chen.  Wer war eigent­lich zweite/​r?  Egal, ich hatte Spass!

Fünf Jahre spä­ter habe ich — Ent­zugs­er­schei­nun­gen.  End­lich will ich wie­der mal diese täto­wier­ten Kas­per kom­men­tie­ren, die tie­fen Aus­schnitte unta­len­tier­ter Hupf­doh­len aus­spä­hen und mein Herz für die weni­gen tol­len Lie­der über­lau­fen las­sen.

20:45 Uhr: Vor­pro­gramm
„Count Down“ nennt die wenig komi­sche Ulk­nu­del die mediale Aus­schlach­tung von — nichts.  Irgend­wie habe ich die Zeit ver­passt:  Bis auf die immer stand­haft unta­len­tierte Sarah Con­nor (Entttäu­schung: kein Aus­schnitt!) kenne ich keine der Musik­grup­pen.  Egal, das Publi­kum auf der Ree­per­bahn gröhlt, die Fuz­zies  mit den Dep­pen­kap­pen kom­men wohl an.  Da ansons­ten nichts zu berich­ten ist, bit­tet die Mode­ra­to­rin irgend­wen, „Sel­fies“ ein­zu­schi­cken.  Ein schla­gen­de­rer Beweis, dass heisse Luft gehalt­vol­ler ist, als die­ses Vor­pro­gramm, ist nicht denk­bar.

Wie gerne wäre ich jetzt im Jahr — warum nicht 1966?  Die Fern­seh­welt war schwarz-weiss, ich hätte der Euro­vi­si­ons-Melo­die ehr­furchts­voll gelauscht und es wäre gleich rich­tig los­ge­gan­gen.  Statt der Remmi-Demmi-Fuz­zis auf der Ree­per­bahn hätte es Chan­sons gege­ben.  Chan­sons!  Wer weiss, noch, was das ist?

Gewon­nen hätte am Ende ein gran­dio­ser Udo Jür­gens mit einem Stück, das ich heute immer noch mit einer gewis­sen Ehr­furcht höre:  Merçi Che­rie.  Und nie­mand hätte mit­ge­klatscht …

21:15 Uhr: Immer noch nichts
Nun, immer­hin ist Peter Urban noch als Mode­ra­tor dabei.  Wenn­gleich er sich nicht mehr so bis­sig traut wie frü­her, ist er doch ver­mut­lich immer noch einer der weni­gen Höhe­punkte des Abends.  Ich bin gespannt.

Wie lange mag es noch dau­ern, bis es los geht?

21:21 Uhr: End­lich, Slo­we­nien!
Es wird gesun­gen, Slo­we­nien beginnt.  Kein Aus­schnitt, aber Kopf­hö­rer zu quä­ki­gem Stimm­chen.  Der Wind in den Haa­ren reisst es nicht raus, die Bri­kett­fri­sur des Pia­nis­ten ebenso wenig. Pro­gnose: weit im unte­ren Mit­tel­feld.

21:25 Uhr: Frank­reich
Die Nation des Chan­sons hat es im letz­ten Jahr mit einer extra-däm­li­chen Kas­per­num­mer auf ins­ge­samt zwei Punkte (deux points!) gebracht (wenn ich mich rich­tig erin­nere).  Das waren zwei Punkte zu viel.  Nun sol­len es vier Tromm­ler und eine Mireille-Mat­t­hieu-Ver­schnitt-Fri­sur rich­ten.  Pas de chance, madame.

21:30 Uhr: Israel
Kör­per­er­tüch­ti­gung.  Ich ver­misse  eine Hüpf­burg für diese zap­peln­den Kin­der.

21:34 Uhr: Est­land
Huch!  Ich höre Klänge.  Musik!  Nichts Welt­be­we­gen­des, aber unter den Tau­ben ist der Geier König.  Der Este knö­delt ein wenig ame­ri­ka­nisch, aber irgend­wie war’s bedingt hör­bar.  Also:  keine Chance in der End­ab­rech­nung.

21:38 Uhr: England/​Pizza
Eng­land ein­falls­los und schlecht wie immer.  Prä­di­kat: pein­lich.  Zum Glück kommt die beste Part­ne­rin von allen mit einer wun­der­bar duf­ten­den, selbst­ge­ba­cke­nen Pizza.  Des­halb:  Sen­de­pause bei mir …

21:54 Uhr: Erste 13 Punkte ver­ge­ben!
Piz­za­bä­cke­rin: Treize Points!  Hmm …

Diese Punkte wer­den dem in der Zwi­schen­zeit auf­ge­ühr­ten Musi­cal für Arme (Litauen) und dem sin­gen­den Zelt (Ser­bien) nach­her feh­len.  Das Stück der Arme­nier habe ich bereits ver­ges­sen, die Bal­lade der Nor­we­ger ist aus­tausch­bar und wird eben­falls unter „fer­ner san­gen“ enden.

22:00 Uhr: Schwe­den
Kein schlech­tes Stück, aber: Ein­fach nur sin­gen — das geht nicht mehr, oder?  Warum so viel Schnick-Schnack?  Kein Ver­trauen in das Lied, das sen­si­bel auf­ge­führt sicher mehr Ein­druck hin­ter­las­sen hätte?

22:04 Uhr: Zypern
Das Publi­kum ist still.  Ein gutes Zei­chen.  Gefiel mir.  Bedau­er­li­cher­weise ist das das Ende der erhoff­ten Welt­kar­riere des Sän­gers.

22:07 Uhr: Aus­tra­lien
Hä?  Bewirbt sich Aus­tra­lien für die EU?  Viel zu glatt, das Lied­chen, aber des­halb bestimmt weit vorne dabei.  Ohne den Hut des Sän­gers gäbe es in der End­ab­rech­nung vier­zig Punkte weni­ger.

22:12 Uhr: Bel­gien
War schon mal deut­lich bes­ser.  Stro­bo­sko­pisch beleuch­tete, von der Decke hän­gende Klo­rol­len sind kein Ersatz für Musik.

22:15 Uhr: Aus­tria
Felix!  Schon mal gehört, aber ein­fach ein schö­ner Song.  Warum das Kla­vier bren­nen muss, wird sicher irgend­wer wis­sen.  Viel­leicht die Saal­feu­er­wehr?

22:18 Uhr: Urban liest hier mit!
„Ein gebrauch­ter Song“, so meinte er.  Ha, Lese­rin­nen und Leser die­ses Blogs wuss­ten das bereits Minu­ten vor­her!

22:22 : Grie­chen­land
Ist Grie­chen­land immer noch nicht pleite?  Nein?  Die schi­cken sogar auf unsere Kos­ten jeman­den zum Sin­gen nach Wien.  Na, immer­hin wurde an der Klei­dung der Sän­ge­rin gespart:  Aus dem Stoff, den man für den Aus­schnitt weg­ge­las­sen hat, wurde das Zelt der ser­bi­schen Sän­ge­rin genäht.  Die Rei­se­kos­ten hät­ten die Grie­chen lie­ber zur Schul­den­til­gung genutzt.

22:27 Uhr: Mon­te­ne­gro
Eigent­lich mein bis­he­ri­ger Favo­rit — weil sich jemand traut, in sei­ner Lan­des­spra­che zu sin­gen.  Schade nur, dass es ein Mit­klatsch-Melo­dram ist. 

22:30 Uhr: Ger­many
In der Vor­schau habe ich diese junge Frau das erste Mal erlebt.  Hof­fen wir, dass sie irgend­wann erwach­sen wird.  Was sonst noch zu erwäh­nen ist:  zwei Aus­schnitte.  In die­sem Feld hat das eher unspek­ta­ku­läre Stück tat­säch­lich Chan­cen auf einen Platz im ers­ten Drit­tel.

22:35 Uhr: Polen
Neben lang­wei­li­gen Pas­sa­gen blit­zen immer mal wie­der hörens­werte Sequen­zen auf.  Reicht trotz­dem nicht.

22:39 Uhr: Lett­land
1a-Aus­schnitt.  Viel tech­ni­sches Brim­bo­rium drum­herum.  Lenkte enorm vom Aus­schnitt ab.  Kate Bush war vor 35 Jah­ren art­ver­wandt — nur bes­ser.

22:43 Uhr: Rumä­nien
Hä?  Sehen so die rumä­ni­schen Wirt­schafts­flücht­linge aus, von denen die C-Par­teien immer faseln?  Manier­lich geklei­det — die soll­ten gar nicht erst mit­ma­chen dür­fen, damit unser Welt­BILD nicht lei­det.

22:47 Uhr: Spa­nien
Bac­cara wäre viel­leicht bes­ser gewe­sen?  Und die waren schon lang­wei­lig genug.  Hat­ten aber kei­nen Kerl mit nack­tem Ober­kör­per dabei.  Zwei Mit­leids­punkte aus dem Vogels­berg nach Spa­nien …

22:50 Uhr: Ungarn
Ein Anti-Kriegs­lied.  Das sollte gewin­nen.  Und wir soll­ten den Flücht­lin­gen hel­fen.  Und Spe­ku­la­tion mit Nah­rungs­mit­teln ver­hin­dern.  Plas­tik­tü­ten ver­bie­ten, Fracking ebenso, Armut strikt bekämp­fen, das Finanz­sys­tem zer­schla­gen, …  All das wird ebenso wenig pas­sie­ren, wie die­ses Lied gewin­nen wird.  Schön wär’s trotz­dem, wegen des Gedan­kens dahin­ter.  ESC ist aber nun  mal Paaar­ty­yyy und nicht Ver­nunft.

22:55 Uhr: Geor­gien
Ich halte Wer­be­pau­sen für extrem ner­vig.  Warum hat man hier keine gemacht?

22:58 Uhr: Aser­bai­dschan
Zitat aus Wiki­pe­dia: „Auf der Rang­liste der Pres­se­frei­heit steht Aser­bai­dschan im Jahr 2014 auf Platz 160, hin­ter Län­dern wie Irak oder Afgha­ni­stan.“  Im Boden­tur­nen sind sie aller­dings bedeu­tend bes­ser als der Irak und Afgha­ni­stan. Platz zwei in der natio­na­len Vor­ausschei­dung in Aser­bai­dschan belegte übri­gens Berti Vogts.

23:03 Uhr: Putin, äh, nein, Russ­land
Mari­lyn lebt.  Lied­chen in weis­sem Kleid.  Ich brau­che noch min­des­tens drei Glä­ser Sekt, damit ich es mag.  Urban klaut schon wie­der Gags bei mir.  Ach ja:  Aus­schnitt huit points.

23:07 Uhr: Alba­nien
Naja.  Gefak­ter Aus­schnitt.  Belang­los.

23:09 Uhr: Ita­lien
Nach dem bis­her Gese­he­nen und Gehör­ten muss Ita­lien gewin­nen.  Nie war es ein­fa­cher.  Und die Pizza vor­hin war welt­klasse.  Mal schauen …

23:13 Uhr:  Und?
Naja, warum nicht?  Sin­gen konn­ten die Ragazzi, Schwung hatte der Titel und sie haben sich etwas getraut.  Forza Ita­lia!


Zwi­schen­fa­zit

  1. Peter Urban hat sei­nen Biss ver­lo­ren.  Frü­her war er ein Licht­blick in die­ser oft zu trü­ben Musik­ver­an­stal­tung.  Jetzt klingt er ange­passt.  Bestimmt ist die GEZ daran schuld.  Oder die vie­len Asy­lan­ten.
  2. End­lich habe ich Ara­bella Kies­bauer mal wie­der gese­hen.  Das ist eine Erin­ne­rung daran, wie gut die Ent­schei­dung war, das Pri­vat­fern­se­hen aus die­sem Haus­halt zu ver­ban­nen.
  3. Gewin­nen kann und wird nur Ita­lien.  Mit Abstand.  Und wenn das so kommt, dann akzep­tiere ich sogar Geor­gien, Eng­land und Aus­tra­lien auf Platz 2.  Wenn nicht, kaufe ich keine ein­zige Schall­platte irgend­ei­nes Teil­neh­mers.  Ach, die pro­du­zie­ren gar keine Schall­plat­ten mehr?  Und Udo Jür­gens nimmt doch nicht teil?  Was für eine Welt?!

Gedan­ken

  1. Wie war das vor­hin:  Man darf bis zu 20 Mal anru­fen, um seine/​n Favoriten/​in zu wäh­len?  Ich  nehme dann doch noch schnell ein paar tau­send Tele­kom-Aktien.
  2. Wie oft passt Con­chita Wurst in das Kleid des sin­gen­den geor­gi­schen Zelts?
  3. Frage: Warum gab’s unter den Inter­pre­ten keine Kerle mit täto­wier­ten Unter­ar­men oder däm­li­chen Hit­ler­jun­gen-Fri­su­ren?
    Ant­wort:  Diese Typen müs­sen am Wochen­ende Fuss­ball spie­len.

Erwar­tun­gen

  1. Die Ver­kün­dung der Punkte wird jeweils mit über­schäu­men­dem Lob für die Show ver­bun­den sein.  Weil’s so sein muss.
  2. Man­che Ver­kün­der wer­den nicht zu Potte kom­men.
  3. Ich werde mit mei­nen Favo­ri­ten und Ver­ris­sen völig dane­ben lie­gen.
  4. Letzt­lich wird Bots­wana gewin­nen.

00:49 Uhr: Ergeb­nis
Udo Jür­gens vor … äh, nein, ich höre gerade:  Schwe­den, dann Russ­land, dann Ita­lien.

Der sieg­rei­che Schwede darf gerade noch eine Dumm­heit abson­dern („Wir sind alle Hel­den!“), bevor seine mit Hall auf­ge­peppte Stimme das Klat­schlied noch­mal schmet­tert.

Ein nächt­li­cher Gruss geht an die Hel­den der NSA und von Fron­tex.  Nicht ver­ges­sen wol­len wir in die­sem Zusam­men­hang auch die Deut­sche Bank sowie den Fahr­schul­leh­rer von Marco Reus.  Hel­den, alles Hel­den.

Den Rest auf der Ree­per­bahn erspare ich mir.  Ich mag nicht mehr lachen, Frau Schön­ber­ger.  Bin ein erns­ter Held.

-Frank


Nach­lese: Lag ich mal rich­tig?

Slo­we­nien:  War mit Platz 14 bes­ser als meine Pro­gnose („weit im unte­ren Mit­tel­feld“).
Frank­reich:  Dritt­letze — Tref­fer, ver­senkt („pas de chance“).
Est­land:  Was war da los?  Platz 6 — und ich gab denen keine Chance.
Eng­land:  Tja — „schlecht wie immer“.  Viert­letzte.
Nor­we­gen:  Platz acht — ich lag völ­lig dane­ben („fer­ner san­gen“).
Schwe­den:  Von mir unter­be­wer­tet („kein schlech­tes Stück“).  Platz eins.
Zypern:  Fand ich gut, habe dem Lied aber keine Chan­cen ein­g­räumt.  Platz 22.
Aus­tra­lien:  Wie erwar­tet („weit vorne dabei“). Platz fünf.
Bel­gien:  Mit Platz vier weit bes­ser als meine Ein­schät­zung („war schon mal deut­lich bes­ser“).
Deutsch­land:  Platz 26 — da habe ich mich gerne geirrt („Platz im ers­ten Drit­tel“).
Polen:  Sat­ter Tref­fer („reicht nicht“) — Platz 23.
Spa­nien:  Noch einer („zwei Mit­leids­punkte aus dem Vogels­berg nach Spa­nien“) — Platz 21.
Geor­gien:  Mit Platz elf nicht schlecht — ich hatte eine Wer­be­pause gefor­dert.
Aser­bai­dschan:   Noch mal dane­ben („sind bes­ser im Boden­tur­nen“).  Platz 12.
Russ­land:  Ich hatte den Mary­lin-Effekt unter­schätzt („Lied­chen in weis­sem Kleid“).  Platz 2.
Alba­nien:  „Belang­los“.  So war’s dann auch.  Platz 17.
Ita­lien:  Mein Tipp.  Platz drei.

Das mit dem Job als Wahr­sa­ger auf dem Jahr­markt muss ich mir noch über­le­gen.

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