Damaskus

Damaskus, Medien, Verantwortung

von | 18. Febru­ar 2021

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Es ist Febru­ar 2014: Ich blät­te­re durch mei­ne Tages­zei­tung und ent­de­cke einen län­ge­ren Arti­kel über Damas­kus! Erin­ne­run­gen wer­den wach: Ich ver­schlin­ge ihn.

Vier Jah­re vor­her war ich auf einer län­ge­ren Rei­se durch die ara­bi­sche Welt. Auf dem Rück­weg hat­te ich die Gele­gen­heit, die syri­sche Haupt­stadt ein wenig ken­nen­zu­ler­nen. Ich war fas­zi­niert von der uralten, leben­di­gen Metro­po­le. Sie war damals noch fried­lich — soweit ich das an der Ober­flä­che sehen konn­te. Für tie­fe­re Ein­bli­cke hat­te es nicht gereicht, denn ich hat­te ledig­lich ein Tran­sit­vi­sum für die  Fahrt durch Syri­en bekom­men. Das gewähr­te mir drei Tage für die Rei­se von Jor­da­ni­en bis in die Tür­kei. Ich schum­mel­te etwas und ver­brach­te mei­ne drei Tage in die­ser alten Stadt, von der ich begeis­tert war. Wie ich gehofft hat­te, küm­mer­te mei­ne ver­spä­te­te Aus­rei­se die Grenz­be­am­ten nicht.

Damas­kus‘ Reiz hat­te mich damals gepackt. Natür­lich wür­de ich wie­der­kom­men! Nie hät­te ich gedacht, dass es für mehr als ein Jahr­zehnt nicht mög­lich sein wür­de, dort­hin zurückzukehren.

Dass das syri­sche Regime kor­rupt ist, poli­ti­sche Geg­ner weg­sperrt und fol­tert, das war schon damals bekannt und belegt. Der ver­ord­ne­te Per­so­nen­kult um den Prä­si­den­ten war natür­lich auch 2010 all­ge­gen­wär­tig. Die sicht­ba­re — teils arro­gan­te — Prä­senz von Uni­for­mier­ten im All­tag liess mich ahnen, auf wel­che Wei­se das Regime bereits vor dem Krieg sei­ne Herr­schaft sicherte.

Ich fiel natür­lich auf mit west­li­cher Klei­dung und mei­ner Kame­ra. Über die Prä­senz der natur­ge­mäss wenig sicht­ba­ren Geheim­diens­te war ich mir im Klaren.

Ich ver­hielt mich vorsichtig.

Im Jahr 2014, vier Jah­re nach mei­nem Auf­ent­halt und drei Jah­re nach dem Beginn des Kriegs in Syri­en, schaff­ten es furcht­ba­ren Mel­dun­gen aus Syri­en bei uns nur noch sel­ten auf die Titel­sei­ten. Über den Ara­bi­schen Früh­ling wur­de anfangs viel berich­tet. Als das Cha­os in Syri­en los­brach, waren die Medi­en eben­falls prä­sent. Aber dann? Was hat­te ich gehört und gele­sen über die­se Stadt und das Land, nach­dem das Grau­en all­täg­lich gewor­den war?

Es war natür­lich auch dem Fak­tor der Gewöh­nung geschul­det, dass sich die Berich­te aus dem Land im Lau­fe der Zeit auf meist nur kur­ze Nach­rich­ten redu­zier­ten. Gewalt und Zer­stö­rung, Krieg und Tod — das sind irgend­wann kei­ne Mel­dun­gen mehr, die wir auf den Titel­sei­ten fin­den, wenn sie zum Tages­ge­schäft gehören.

Da kam die­ser Arti­kel des Syrers Kha­led Kha­li­fa gera­de rich­tig. Aber: Konn­te ich ihm vertrauen?

„Das ers­te Opfer eines jeden Krie­ges ist die Wahr­heit“ — ein wah­res Wort, gleich­gül­tig, von wem die­ses Zitat nun tat­säch­lich stammt. Dass Kriegs­nach­rich­ten häu­fig nicht viel mit dem tat­säch­li­chen Gesche­hen zu tun haben, wis­sen wir nicht erst seit der Nazi-Propaganda.

Der Damas­kus-Arti­kel war ein Bericht aus einem Krieg. War er aber auch wahr?

Damaskus

Ein gros­ser Bogen

Damaskus stand vor der Haustür

2014 begann ich mit der Arbeit an die­sem Arti­kel. Ich kam nicht weit. Das Grau­en, die Ver­zweif­lung der Men­schen, all das Elend war kei­ne Moti­va­ti­on, mich mit dem Schick­sal die­ser Stadt und der Men­schen zu beschäf­ti­gen. Irgend­wann arbei­te­te ich ein­fach nicht mehr wei­ter an mei­nem Text. Sie­ben Jah­re spä­ter hat­te ich die Bruch­stü­cke mei­ner Arbeit fast ver­ges­sen. Viel­leicht auch nur verdrängt?

Was ist der Hin­ter­grund mei­ner Beschäf­ti­gung mit der Ent­wick­lung in Syri­en? Waren es 2010 noch die Ein­drü­cke einer inten­si­ven, halb­jäh­ri­gen Rei­se durch die ara­bi­sche Welt, die mein Inter­es­se am Gesche­hen in die­ser Regi­on befeu­er­ten, so ergab sich im Lau­fe der Zeit ein neu­er, wesent­lich prä­sen­te­rer Fokus:

Ich hat­te mich 2015/16 in der Flücht­lings­hil­fe enga­giert und inten­si­ven Kon­takt zu Syrern. Die Men­schen, die ich sonst als anony­me Per­so­nen in Schlauch­boo­ten auf dem Mit­tel­meer in 30-Sekun­den-Bei­trä­gen in der Tages­schau sah, sas­sen mir plötz­lich gegenüber.

In einem Gespräch — einem sehr per­sön­li­chen Moment — zeig­te mir ein jun­ger Syrer Bil­der sei­ner Schlauch­boo­t­über­fahrt über das Mit­tel­meer. Auf klei­nen Fotos konn­te ich sei­ne Frau und sein klei­nes Kind in einem Schlauch­boot erken­nen. Auf hoher See. In einer Nussschale.

Es war erschüt­ternd zu sehen, wel­chem Risi­ko sich die­se Men­schen aus­ge­setzt hat­ten, um der Zer­stö­rung, der Gewalt und dem Ster­ben in ihrem Land zu ent­flie­hen. Woll­te ich das über­haupt sehen?

Damas­kus war ange­kom­men in unse­rer Gesell­schaft. Man­che woll­ten das nicht wahr­ha­ben und schau­ten lie­ber weg — betei­lig­ten sich aber trotz­dem an den Dis­kus­sio­nen. Dabei mei­ne ich noch nicht ein­mal den erschre­ckend weit ver­brei­te­ten Hass auf Aus­län­der oder ver­meint­lich Fremde.

Die Schul­lei­te­rin einer Nach­bar­ge­mein­de, die offen­sicht­lich völ­lig ahnungs­los war hin­sicht­lich der Situa­ti­on der syri­schen Flücht­lin­ge, die plötz­lich in ihrer Gemein­de leb­ten, war ein sol­ches, erschre­cken­des Bei­spiel (sie­he hell­blau­er Kas­ten — „Exkurs: Syri­scher Schulbesuch“).

Damaskus 2010

Bazar in Damaskus (2010)

Exkurs: Syrischer Schulbesuch

Juni 2016, ich ste­he im Sekre­ta­ri­at einer Schu­le in unse­rer Regi­on. Es geht um die Auf­nah­me eines jun­gen Flücht­lings in den schu­li­schen Lehr­be­trieb. Der Jugend­li­che war bereits eini­ge Zeit in Deutsch­land, hat­te hier in Hes­sen aber noch kei­ne Schu­le besucht. War­um das so ist bleibt unklar. Es muss sich jemand küm­mern. Des­halb bin ich dabei.

Die Schul­lei­te­rin kommt in den Raum. Sie ist unge­hal­ten, fast aggres­siv. Es fal­len die Sät­ze: „Die Flücht­lin­ge kön­nen sich alle Mobil­te­le­fo­ne leis­ten. Mei­ne Toch­ter kann das nicht.“

Dass die­se Men­schen in Syri­en ein Leben hat­ten, ist ihr offen­bar nicht  bewusst. Dass dort Mobil­te­le­fo­ne eben­so zum All­tag gehör­ten wie Café­be­su­che und Musik­ver­an­stal­tun­gen — wie kann man davon als Per­son mit gesell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung kei­ne Kennt­nis haben?

Ver­ständ­nis für die Situa­ti­on der Flücht­lin­ge? Nicht vor­han­den bei der Schul­lei­te­rin. Mit­ge­fühl für die Syrer, die vor ihr ste­hen? Fehl­an­zei­ge. Statt des­sen zeig­te sie unver­hoh­le­nen Neid auf die Schwächsten.

Die ver­ach­tens­wer­te, ja dis­qua­li­fi­zie­ren­de Aus­sa­ge der Schul­lei­te­rin führ­te übri­gens zu kei­nen Kon­se­quen­zen. Die Schul­be­hör­de tole­rier­te das Ver­hal­ten. Die Men­schen in der Gemein­de ebenfalls.

Lügen wie gedruckt!?

Was kann man glauben?

Viel­leicht ist das Weg­schau­en aber auch eine ver­ständ­li­che Reak­ti­on auf eine media­le Über­for­de­rung? Der sehr prä­sen­ten Fra­ge, ob man der Bericht­erstat­tung noch glau­ben kann, kann man heu­te nicht mehr aus dem Weg gehen. Die soge­nann­ten Main­stream-Medi­en wer­den von eini­gen Grup­pen in unse­rer Gesell­schaft sys­te­ma­tisch dis­kre­di­tiert. Das schafft zumin­dest Verunsicherung.

Die oben erwähn­te Schul­lei­te­rin hat­te das Pro­blem des Ver­trau­ens in Mel­dun­gen der Medi­en nicht: Sie hat­te ein­fach gar kei­ne Kennt­nis­se über das, was nun mit­ten in unse­rer Gesell­schaft pas­sier­te. Es ist für mich kaum vor­stell­bar, dass jemand in einer sol­chen Posi­ti­on, jemand mit die­ser Ver­ant­wor­tung, offen­sicht­lich kei­ne Stan­dard-Medi­en benutzt, um sich zu informieren.

Die Ein­stel­lung der Schul­lei­te­rin ist nach mei­ner Wahr­neh­mung aller­dings kein Stan­dard. Vie­le Men­schen ent­blös­sen ihre Unkennt­nis nicht auf so deut­li­che Art wie die­se Schul­lei­te­rin. Sie geben viel­mehr vor, infor­miert zu sein. Gut infor­miert sogar. Sie behaup­ten teil­wei­se, die Dar­stel­lun­gen in den Medi­en dif­fe­ren­ziert beur­tei­len zu kön­nen — oder auch die Nicht-Darstellung.

Im Rah­men von Quer­den­ker-Demons­tra­tio­nen wur­den „ganz nor­ma­le“ Men­schen befragt, deren ähn­li­che Aus­sa­gen in etwa so klan­gen: „Nie berich­ten die Medi­en dar­über, was wirk­lich pas­siert.“ Die­se Ansicht ist wei­ter ver­brei­tet, als ich es glau­ben mochte.

Einen Atem­zug spä­ter wer­den dann ger­ne „Fak­ten“ aus ver­meint­lich seriö­sen Medi­en nach­ge­scho­ben, die nichts mit dem zu tun haben, was mein Wis­sens­stand ist. Schnell fin­det man sich dann im Bereich von Mythen und Absur­di­tä­ten, im Umfeld  der Ver­schwö­rungs­er­zäh­ler wieder.

Kurt

Ich habe einen Bekann­ten — nen­nen wir ihn hier ein­mal Kurt — der ver­mu­tet nicht nur, nein, er weiss es ganz genau, dass da tau­sen­de Agen­ten in den Redak­tio­nen sit­zen — alle „gesteu­ert aus Ber­lin“. Die­ses Agen­ten­netz ent­schei­det sei­ner unum­stöss­li­chen Ansicht nach, was die Medi­en berich­ten dür­fen und was nicht. Kurt ist der vol­len Über­zeu­gung, dass auf die­se Wei­se bestimm­te The­men sys­te­ma­tisch unter­drückt würden.

Nun ist es in der Regel ein Leich­tes, so einem Wirr­kopf zu bele­gen, dass es hau­fen­wei­se zu jedem The­ma Berich­te in den Medi­en gibt — also auch zu denen, über die angeb­lich gar nicht berich­tet wer­den darf. Das fol­gen­de Erstau­nen wird mehr oder weni­ger gut über­spielt — und es folgt der unaus­weich­li­che nächs­te Schritt: „Ja, viel­leicht gibt es doch ab und zu mal einen Bericht — aber natür­lich lügen die Medi­en wie gedruckt! Nichts davon ist wahr.“

Ansons­ten ist Kurt übri­gens ein sehr net­ter Zeitgenosse.

Da sit­ze ich nun und den­ke: Wie kann es dazu kom­men, dass unse­re Medi­en bei man­chen einen so schlech­ten Ruf haben? Wie kann es sein, dass Men­schen ohne den Wil­len, die­se Medi­en wahr­zu­neh­men, sie als unglaub­wür­dig verurteilen?

Damaskus

Zurück nach Damaskus

Ein Text aus dem Krieg

Nun hat­te ich die­sen Damas­kus-Arti­kel vor mir. Er berich­te­te nicht nur über eine Stadt im Krieg. Er ver­such­te auch, die Lebens­si­tua­ti­on der Men­schen zu erklä­ren. Ich war bei der Lek­tü­re für eine Wei­le ver­sun­ken in die­se Stadt und hat­te das Gefühl, etwas mehr zu verstehen.

Aber auch wenn man den Text nicht als ergrei­fend emp­fin­den soll­te, so muss man ihm doch zumin­dest eines zuge­ste­hen: Er ermög­licht Ein­sich­ten in das Emp­fin­den des Autors und eröff­net neue Per­spek­ti­ven. All das half mir, mir ein eige­nes Bild zu machen. So gut es eben ging: Ich war ja nicht selbst dabei.

Ja, ich war nicht selbst dabei — könn­te es also sein, dass der Autor Kha­led Kha­li­fa gar nicht die tat­säch­li­che Situa­ti­on in Damas­kus beschrie­ben hat? Ich stel­le mir mei­nen gera­de erwähn­ten Bekann­ten vor: Kurt hät­te sicher kei­ne Pro­ble­me, den Bericht Kha­li­fas als erlo­gen abzutun.

War­um reagie­re ich anders? Nun, ich kann­te die Stadt ein wenig. Es war 2011 sicher ein ande­res Damas­kus, aller­dings hat­te ich die Bil­der mei­ner Streif­zü­ge und der dor­ti­gen Lebens­um­stän­de im Kopf. Völ­lig ver­lo­ren konn­te der Cha­rak­ter der Stadt nicht sein.

Ich war 2014 nicht selbst dabei, als Kha­led Kha­li­fa sei­ne Erleb­nis­se nie­der­schrieb. Etwas sag­te mir jedoch, dass die­ser Bericht authen­tisch war, denn der Autor beschreibt ein Damas­kus, das mir bekannt vor­kommt. Ich liess mich auf den Arti­kel ein, nahm mir Zeit für ihn, wog ab — und her­aus kam die Ein­schät­zung, dass ich die­sem Text ver­trau­en konnte.

Schau­en wir uns einen Aus­schnitt aus Kha­li­fas Bericht an:

Der Text von Khaled Khalifa

Damaskus: taz-Artikel von Khaled Khalifa

online auf taz.de

In der tages­zei­tung wur­de eine gekürz­te Ver­si­on des Texts von Kha­led Kha­li­fa veröffentlicht.

Damaskus: faustkultur-Artikel von Khaled Khalifa

online auf faustkultur.de

Die voll­stän­di­ge Ver­si­on ist auf faustkultur.de zu finden.

Damaskus, Strassenszenen, 2010

Damaskus 2010
Damaskus, Strassenszene, 2010

Damaskus, Strassenszene, 2010

Damas­kus im Jahr 2014

„Nahe­zu täg­lich lege ich die glei­che Stre­cke zurück, ich gehe ins glei­che Café und in die glei­che Bar. Wir haben uns dar­an gewöhnt, mit dem zu leben, was noch da ist. Ich tref­fe mich mit den Freun­den, die noch da sind und für deren Anzahl die Fin­ger einer Hand aus­rei­chen. Alle sind fort, alles ist mir fremd gewor­den, die Far­ben der Stadt, ihre Gerü­che, die Stra­ßen, Gebäu­de und die weni­gen Parks. Auf den Gesich­tern der Men­schen lässt sich die Angst vor der Gegen­wart und der Zukunft able­sen. Es ist eine ande­re Angst als jene, die die Syrer mit dem ers­ten Schrei nach Frei­heit begra­ben haben.“

„“

Kha­led Kha­li­fa, Zitat aus sei­nem hier behan­del­ten Text

Ein erfundener Bericht?

Der Text zeigt einen All­tag in Damas­kus, den wir uns kaum vor­zu­stel­len wagen, aus einer sehr per­sön­li­chen Sicht. Liest man den gan­zen Text, so erfährt man von den täg­li­chen Bom­bar­de­ments, die damals bereits seit ein­ein­halb Jah­ren andauerten.

Man erfährt von der Absur­di­tät eines pseu­do-nor­ma­len Lebens, das noch Musik kennt, wäh­rend Sol­da­ten an Check­points die Stadt kon­trol­lie­ren, sich dort ein Stau bil­det. Man spürt förm­lich die mög­li­che Fal­le in einer Stadt, die jeder­zeit bom­bar­diert wer­den kann. Kha­led Kha­li­fa begeg­net die­ser Fal­le mit Lachen. Kei­nem fröh­li­chen wohl …

Kür­ze — der Standard

Sind Zweifel erlaubt?

Die Fra­ge bleibt: Sind Zwei­fel erlaubt? Ja, natür­lich! Zwei­fel an einer Bericht­erstat­tung sind nicht nur grund­sätz­lich legi­tim, son­dern auch not­wen­dig. Das leh­ren uns nicht nur vie­le schlam­pig recher­chier­te Arti­kel oder schlicht fal­sche Dar­stel­lung in Bou­le­vard­blät­ter, zu denen ich die Bild-Zei­tung zäh­le, die die Ein­stu­fung als seriö­ses Nach­rich­ten­me­di­um sicher nicht ver­dient. Bei der Lek­tü­re die­ser Blät­ter wären kei­ne Zwei­fel am Wahr­heits­ge­halt fahrlässig.

Aber auch eher seriö­se Medi­en sind vor fal­schen Berich­ten nicht gefeit: Die Skan­da­le um die Hit­ler-Tage­bü­cher und der Fall Relo­ti­us sind zwei Bei­spie­le, an die Sie sich bestimmt noch erinnern.

Man war eben in aller Regel nicht selbst dabei. Aber ist das nicht meis­tens so? Der Sturm auf den Reichs­tag, die Anschlä­ge von Hanau — wer von uns war vor Ort? Ich nicht.

Es gibt vie­le Anhalts­punk­te, ob man einem Bericht ver­trau­en kann oder nicht. Kei­ne Anhalts­punk­te sind es jedoch, Medi­en gene­rell als „Lügen­pres­se“ zu ver­un­glimp­fen oder die­ses unsäg­li­che „dar­über berich­ten sie nie“ zu ver­brei­ten. Sol­che Ein­schät­zun­gen sind in der Regel unbe­legt, ver­kürzt und häu­fig frei erfun­den. Genau das jedoch erle­be ich in Gesprä­chen und Aus­sa­gen der Lügen­pres­se-Frak­ti­on immer wieder.

Ver­kürzt — damit bin ich bei einem der Kern­punk­te unse­rer heu­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on ange­kom­men: Kür­ze ist im Lau­fe der Jah­re eine immer wich­ti­ge­re Wäh­rung in der Medi­en­land­schaft gewor­den. Kür­ze prägt unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on. Und Kür­ze ist alles, womit die­je­ni­gen, die „Lügen­pres­se“ brül­len, auf­war­ten kön­nen. Dabei bleibt vie­les auf der Stre­cke: Da es kei­ne Argu­men­te gibt, steht die Ver­kür­zung auf eine simp­le Aus­sa­ge im Mit­tel­punkt. Die Brül­ler erwar­ten wohl, dass wir das hinnehmen.

Der Ausweg: Hauptsache kurz!

Sich Zeit zu neh­men — das ist heu­te nicht ein­fach, weder in unse­rer Medi­en­land­schaft, noch in unse­rem beruf­li­chen oder pri­va­ten Umfeld. Mein Ein­druck ist, dass wir uns in die­sen Zei­ten viel zu oft nur ober­fläch­lich auf einen Sach­ver­halt ein­las­sen. Ober­fläch­lich bedeu­tet meist auch: kurz.

Dabei müs­sen wir ver­ste­hen: „Kurz“ ist heu­te für vie­le Men­schen wich­tig, denn „kurz“ wird als Aus­weg wahr­ge­nom­men. In einer Welt, in der wir mit Nach­rich­ten über­flu­tet wer­den, da bleibt wenig Zeit für ein Inne­hal­ten und Nach­den­ken, erst recht kei­ne für eige­ne Recher­che und somit auch kei­ne Zeit für sorg­fäl­ti­ges Abwägen.

Im bequems­ten Fall lie­fert ein Nach­rich­ten­me­di­um zusam­men zur kur­zen Mel­dung gleich noch eine Mei­nung, die man über­neh­men kann. Der Begriff „Lügen­pres­se“ ist ein gutes Bei­spiel: Es drückt eine Mei­nung aus, die man haben darf, der aber eine Begrün­dung fehlt.

Woll­te man die­ses oft ver­ächt­lich gebrüll­te Schlag­wort „Lügen­pres­se“ irgend­wie bele­gen, dann wäre die Schwä­che die­ser undif­fe­ren­zier­ten Aus­sa­ge schnell sicht­bar und man wäre mit­ten in einer Dis­kus­si­on — bei­des soll aber von den Prot­ago­nis­ten der „Lügenpresse“-Behauptung sehr offen­sicht­lich ver­mie­den werden.

Mit Trump hat­te die­se Metho­de Ein­zug gehal­ten in die obers­te Eta­ge der Poli­tik. Bei sei­nen Beschimp­fun­gen von Medi­en­ver­tre­tern, sie sei­en „Fake News“, han­del­te es sich um ver­kürz­te Her­ab­set­zun­gen von Jour­na­lis­tIn­nen, die ihm ein Dorn im Auge waren.

Inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit renom­mier­ten Zei­tun­gen wie der New York Times oder der Washing­ton Post konn­te sich ein Trump nicht leis­ten. Sei­ne Metho­de der Dis­kre­di­tie­rung — kurz und unbe­legt — war und ist eine wirk­sa­me Waf­fe. Zumin­dest für sei­ne Anhän­ge­rIn­nen, die ihm blind glauben.

Es wird also ganz gezielt ver­kürzt, viel­fach, weil man es sich inhalt­lich nicht erlau­ben kann, einem Sach­ver­halt den ange­mes­se­nen Raum zu gewäh­ren: Zu schnell fie­le das eige­ne Lügen­ge­bäu­de in sich zusammen.

Die­se Kür­ze hat ihren fes­ten Platz im All­tag vieler:

Ein Tweet hat maxi­mal 280 Zei­chen, Medi­en wie die Bild bemü­hen sich dar­um, „Sach­ver­hal­te mit weni­gen Wor­ten ein­fach [zu] vermitteln“². Als Höhe­punkt des Ver­triebs-Hand­werks gilt der soge­nann­te „Ele­va­tor Pitch“: In aller Kür­ze soll ein Ange­bot schmack­haft gemacht wer­den. Denn lang geht nicht, so mei­nen vie­le Ver­triebs-Stra­te­gen. Kei­ne Zeit, kei­ne Zeit …

Damaskus 2010

Damaskus 2010

Damaskus 2010

Wie gin­ge es anders?

Lang, seriös, richtig?

Auch bei lan­gen und seri­ös anmu­ten­den Arti­keln, die einen gut recher­chier­ten Ein­druck erwe­cken und in renom­mier­ten Medi­en erschei­nen, muss die Fra­ge gestellt wer­den: Wer kann uns ver­si­chern, dass es tat­säch­lich „so ist“? Was kön­nen wir tun, um auf der siche­ren Sei­te zu sein?

Ich erin­ne­re mich noch gut an die lan­ge Bericht­erstat­tung zu den Hit­ler-Tage­bü­chern im Stern. Umfang­reich — und frei erfun­den. Der Fall Relo­ti­us³ ist ein gutes Bei­spiel dafür, dass auch nor­ma­ler­wei­se seriö­se, gut recher­chie­ren­de Medi­en nicht gegen Feh­ler und gar Betrug gefeit sind.

So wenig uns das gefal­len mag: Wir unter­lie­gen grund­sätz­lich immer der Gefahr, dass unse­re Infor­ma­tio­nen nur ober­fläch­lich sind, viel­leicht auch nicht exakt die Rea­li­tät abbil­den — im schlimms­ten Fall ein­fach erfun­den wurden.

Auch bei so man­cher Mel­dung auf tagesschau.de ent­de­cke ich Unklar­hei­ten, die mit einer guten jour­na­lis­ti­schen Her­an­ge­hens­wei­se nicht ver­ein­bar sind. Aus sol­chen Din­gen müs­sen wir lernen.

Wir müs­sen mit Infor­ma­tio­nen vor­sich­tig umge­hen. Was man­che aller­dings als Miss­trau­en bezeich­nen, wür­de ich eher als einen gesun­den Zwei­fel einstufen.

Die­ser Zwei­fel kann aber ein wich­ti­ger ers­ter Schritt zu einer bes­se­ren Wahr­neh­mung und Ein­ord­nung jour­na­lis­ti­scher Arbeit sein.

Wir selbst sind die Antwort!

Wenn wir es schaf­fen, mit die­sem Zwei­fel gut umzu­ge­hen, also abzu­wä­gen zwi­schen der Wahr­schein­lich­keit eines jour­na­lis­ti­schen Betrugs und dem Ver­trau­en in unse­re media­len Quel­len, dann haben wir einen wich­ti­gen Schritt getan.

Letzt­lich müs­sen wir ler­nen, unse­re Fähig­kei­ten ein­zu­set­zen — und wenn wir sie nicht haben, dann müs­sen wir sie ent­wi­ckeln. Zu die­sen Fähig­kei­ten gehö­ren neben einer ratio­na­len Her­an­ge­hens­wei­se an ein The­ma auch Erfah­rung, Offen­heit und Bauch­ge­fühl. Aus die­sem Mix kann man irgend­wann eine Quel­le ganz gut einschätzen.

Nun wür­de das auch mein ver­wö­rungs­gläu­bi­ger Bekann­ter Kurt von sich behaup­ten, der in die­sem Arti­kel als Refe­renz her­hal­ten muss. Zu Recht? Nein, bestimmt nicht zu Recht, denn was ihm fehlt, ist eine selbst­kri­ti­sche Hal­tung. Er hat kei­ne Zwei­fel an sei­ner Ein­schät­zung. Sein Urteil steht fest — belast­ba­re Bele­ge dafür nennt er nicht.

Die eige­ne Ein­schät­zung immer wie­der zu über­prü­fen — und zwar kon­kret — die­ser Wil­le fehlt ihm völ­lig. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den von ihm abge­lehn­ten Medi­en ist für ihn kei­ne Option.

Die­se Aus­ein­an­der­set­zung ist jedoch ein wich­ti­ger Fak­tor: Wie kann ich mich zur Qua­li­tät der Bild-Zei­tung äus­sern, wenn ich in die­ses Blatt seit Jah­ren nicht mehr hin­ein­ge­schaut habe? Wie kann Kurt die Qua­li­tät der Nach­rich­ten in der ARD beur­tei­len, wenn er — laut eige­ner Aus­sa­ge — die­se seit Jah­ren nicht anschaut?

Die Fol­gen die­ses Dilem­mas kön­nen Über­win­dung kos­ten: Ich muss nicht nur manch­mal in die Bild hin­ein­schau­en, son­dern mich ab und zu auf die Web­sei­ten der AfD trau­en oder Druck­wer­ke von ihnen lesen, wenn ich zu dem Blatt oder der Par­tei eine halb­wegs fun­dier­te Mei­nung haben will.

Das ist kein ein­fa­ches Unter­fan­gen: Wann soll ich das alles erle­di­gen? Ich bin wie­der beim Punkt des Zeitaufwands.

Ja, wir benö­ti­gen Zeit, um uns eine Mei­nung zu bil­den. Unse­re Welt ent­wi­ckelt sich jedoch in eine ande­re Rich­tung: Zeit neh­men wir uns kaum noch für eine Sache. Die Zeit ist zu wich­tig, um viel davon in Sach­ver­hal­te zu inves­tie­ren, die nicht zu unse­ren Kern­an­lie­gen gehören.

Mit­re­den wol­len die meis­ten trotz­dem — die Kom­men­ta­re in den sozia­len Medi­en lie­fern dafür Bele­ge ohne Ende. Vie­le die­ser Kom­men­ta­re beru­hen auf „irgend­wel­chen“ Quel­len, beru­hen auf Hören­sa­gen oder Schmutzkampagnen.

Vie­len Men­schen reicht eine ober­fläch­li­che Beschäf­ti­gung mit einem The­ma offen­bar, um sich als Exper­tin zu füh­len und etwas zur Sache kund­zu­tun. Zwei­fel an der „eige­nen“ Posi­ti­on sind sel­ten wie Schmet­ter­lin­ge im Winter.

Die Kom­men­ta­re spre­chen dann ihre eige­ne Spra­che: Sie sind zwar meist nicht rich­tig — aber kurz. Des­halb wer­den sie gele­sen und ver­stär­ken die fal­sche Aus­sa­ge noch.

Immer weni­ger für immer mehr

Sie belegen nichts!

Wir haben uns gewöhnt an die­se all­ge­gen­wär­ti­ge Ver­kür­zung. Mög­li­cher­wei­se so sehr, dass vie­le es gar nicht mehr bemer­ken, wie sie durch kur­ze, unvoll­stän­di­ge Aus­sa­gen mani­pu­liert wer­den. Mit fal­len als Bei­spie­le spon­tan Trump, Pegi­da und die Erzäh­le­rIn­nen wir­rer Ver­schwö­run­gen ein:

  • Die Mär von Trumps Wahl­sieg — nicht einen belast­ba­ren Beleg habe ich von ihm dazu gese­hen. Mil­lio­nen sei­ner Anhän­ge­rIn­nen glau­ben dies­sen Unsinn trotzdem.
  • Pegi­da & Co. brül­len erregt „Lügen­pres­se“. Details? Fehl­an­zei­ge. Laut­stär­ke ersetzt Belege.
  • Ver­schwö­rungs­er­zäh­le­rIn­nen beschwe­ren sich, dass über die­ses und jenes The­ma nicht berich­tet wird. Genaue­re Hin­wei­se feh­len fast immer. Meist reicht bereits eine kur­ze Recher­che, um das Gegen­teil zu bele­gen: Es wur­de in aller Regel berichtet.

All die­sen Zeit­ge­nos­sen ist eines gemein: Sie wagen nicht, sich auch nur ansatz­wei­se auf eine Aus­ein­an­der­set­zung zu dem dem jewei­li­gen The­ma ein­zu­las­sen. Sie mei­nen, dass ihre hin­ge­wor­fe­nen „Infor­ma­ti­ons­häpp­chen“ aus­rei­chen, um ande­re zu über­zeu­gen. Und viel zu oft gelingt ihnen das offen­bar sogar.

Das, was die­se Prot­ago­nis­ten den klas­si­schen Medi­en vor­wer­fen, das prak­ti­zie­ren sie selbst auf scham­lo­se Wei­se. Sie berich­ten nicht. Sie bau­en sich statt des­sen eine „Wahr­heit“, die kei­ne Bele­ge kennt.

Mangelt es uns denn an aus­rei­chen­den Infor­ma­tio­nen? Gibt es denn weit­ge­hend nur noch die­se „Infor­ma­ti­ons­häpp­chen“ mit gerin­gem Nähr­wert? Nein, es ist kein Man­gel erkennbar.

Das Gegen­teil ist der Fall: Noch nie in der Geschich­te stan­den uns so vie­le Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung wie heu­te. Das Pro­blem ist ein ande­res: Anstatt eines Man­gels (er)leben wir eine Verweigerung.

Wir ver­wei­gern uns, Zeit ange­mes­sen für The­men ein­zu­set­zen, die uns wich­tig sind. Die Flut der The­men und Berich­te macht es natur­ge­mäss schwie­rig für uns, uns auf ein The­ma zu kon­zen­trie­ren. Wir kon­su­mie­ren die Häpp­chen — und bedau­er­lich vie­le Medi­en über­bie­ten sich dar­in, die­se Schmal­kost schnell ver­dau­lich für uns aufzubereiten.

Offen­bar ist bei vie­len Medi­en die Ansicht ein­ge­zo­gen, dass Infor­ma­ti­on heu­te vor allem schnell gehen muss. Die Logik dahin­ter: Nur so haben wir eine Chan­ce, uns „halb­wegs“ zu infor­mie­ren, denn: Die Anzahl der mög­li­chen The­men ist immens!

Die­se Erkennt­nis muss uns ver­zwei­feln las­sen. Wie kön­nen wir all dem fol­gen, noch dazu fun­diert? Wie kön­nen wir uns eine belast­ba­re Mei­nung zu den Zil­lio­nen The­men bil­den, mit denen wir kon­fron­tiert wer­den? Wie kön­nen wir der Sack­gas­se ent­flie­hen, für immer mehr Infor­ma­tio­nen immer weni­ger Zeit auf­wen­den zu kön­nen oder wollen?

Es geht nicht, so scheint es. Und wir sind bereits mit­ten drin:

Die End­los-Lis­te

Ein paar Beispiele

Wissen Sie bei­spiels­wei­se, lie­be Lese­rIn­nen, wie unser Ren­ten­sys­tem funk­tio­niert? Ich mei­ne nicht grund­sätz­lich, son­dern im Detail? Nein? Das wun­dert mich nicht — ich weiss es eben­falls nicht so genau.

Haben Sie eine Idee, was mit dem Papier­müll pas­siert, den wir sam­meln? Auch hier mei­ne ich: im Detail. Haben Sie zu die­ser Fra­ge etwa eben­falls kei­ne Ant­wort parat, son­dern eher so wie ich eine — Ahnung?

Oder ganz ein­fach: Wis­sen Sie, ob im Hartz-IV-Satz ein Fei­er­abend­bier für den Frei­tag­abend vor­ge­se­hen ist? Ich ahne, dass die Chan­cen gut ste­hen, dass nicht nur ich das nicht weiss.

Und Sie ahnen ver­mut­lich auch etwas: Die­se Lis­te ist poten­ti­ell endlos.

Die tat­säch­li­che Fra­ge hin­ter all dem lau­tet: Kön­nen wir das alles wis­sen? Viel­leicht auch: Wol­len wir das über­haupt wissen?

Interessiert doch gar nicht!

Nun könn­ten Sie zu Recht sagen, dass Sie die­se The­men nicht inter­es­sie­ren — und des­halb die Nicht-Aus­ein­an­der­set­zung damit kein Makel ist. Ein gutes Argu­ment. Aber ich bin sicher, sie wer­den mit Leich­tig­keit drei ande­re The­men fin­den, die Sie grund­sätz­lich inter­es­sie­ren und zu denen Ihre Infor­ma­ti­ons­ba­sis ähn­lich dünn ist wie mei­ne bei den drei will­kür­li­chen Bei­spie­len, die ich Ihnen vor­ge­setzt habe.

Wir müs­sen offen­bar hin­neh­men, dass — selbst wenn wir woll­ten — wir nicht in der Lage wären, all die­se The­men so zu ver­ste­hen, dass wir eine siche­re Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge haben. Es sei denn, wir grei­fen die kur­zen Medi­en­häpp­chen auf und ver­trau­en ihnen. Das ist aber — bis hin­ein in die soge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en — kei­ne gute Metho­de, wie die oben her­an­ge­zo­ge­nen Bei­spie­le zeigen.

Sich Zeit zu neh­men für ein The­ma kann durch nichts ersetzt wer­den, wenn man es ver­ste­hen und mit­re­den will. Und aus die­sem Grund sind die Arti­kel in Qua­li­täts­me­di­en viel­fach lang — denn anders geht es nicht.

War es früher besser?

Eines ist sicher: Die Anzahl der Infor­ma­tio­nen war frü­her weit gerin­ger. Die ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen waren zudem weni­ger prä­sent als heu­te. Der Weg in einen Biblio­thek zur Recher­che — dar­an kann ich mich noch erin­nern. Die Infor­ma­tio­nen muss­ten damals müh­se­lig erar­bei­tet werden.

War es frü­her also bes­ser? Stel­len Sie sich eine Zeit vor, in der die Wochen­zeit­schrift mit schwar­zen Let­tern auf gro­bem Papier tat­säch­lich Lese­stoff für eine Woche bot — und aus­gie­big eine Woche lang gele­sen wur­de? Ohne die stän­dig bim­meln­de, bun­te Kon­kur­renz des auf­po­lier­ten, minüt­li­chen Gewit­ters der Online-Nach­rich­ten auf den Smart­pho­nes, die im schlimms­ten Fall mit von Goog­le-Algo­rith­men aus­ge­wähl­ten, dum­mer­haf­tigs­ten Wer­bun­gen unter­bro­chen werden?

Ja, ich weiss, ich öff­ne ein neu­es Fass. Mein Zei­tungs-Sze­na­rio im letz­ten Absatz wird nicht nur für mich viel mehr Lebens­qua­li­tät ent­hal­ten — aber es hät­te viel­leicht auch den über Smart­pho­nes orga­ni­sier­ten Ara­bi­schen Früh­ling unmög­lich gemacht.

Damaskus

Den Bogen schliessen

Damaskus ist weit weg

Ich las also an jenem Wochen­en­de im Febru­ar 2014 den Bericht über das Leben in Damas­kus. Ich nahm mir die Zeit. Es war kei­ner jener erwart­ba­ren Betrof­fen­heits­be­rich­te. Es war eine klei­ne — nicht kur­ze! — All­tags­ge­schich­te, die der syri­sche Schrift­stel­ler Kha­led Kha­li­fa auf­ge­schrie­ben hatte.

Dass die­ser Bericht hät­te Fol­gen haben müss­te, das hal­te ich für zwin­gend. Eine sol­che dra­ma­ti­sche Beschrei­bung der Lebens­um­stän­de in Damas­kus kom­men­tar­los hin­zu­neh­men, das ist einer auf­ge­klär­ten Gesell­schaft nicht wür­dig. Gera­de unse­re west­li­chen Zivi­li­sa­tio­nen — also wir, kon­kret Sie und ich — hal­ten sich für auf­ge­klärt. War­um ver­hal­ten wir uns dann aber so — belanglos?

Näh­men wir sol­che Berich­te ernst, so müss­ten wir unse­re Poli­tik ändern. Das machen wir jedoch nicht. Es sind ande­re Inter­es­sen als das Leben der Men­schen in Damas­kus, die unser Leben bestimmen.

Für vie­le von uns sind die­se ande­ren Inter­es­sen wirt­schaft­li­che. Denkt man etwas grös­ser, dann sind es geo­po­li­ti­sche, sicher­heits­po­li­ti­sche und ver­mut­lich wei­te­re, die ich nicht ver­ste­he. War­um also soll­ten wir uns mit dem Schick­sal Kha­led Kha­li­fas und den Syrern  beschäf­ti­gen? Wir haben wahr­lich genug eige­ne Pro­ble­me vor der Haustür!

Was vie­le nicht wahr­ha­ben wol­len: Ganz kon­kret hat man­ches, was Kha­led Kha­li­fa beschreibt, sei­nen Ursprung auch in unse­rer Gesellschaft.

Der „Wirt­schafts­zweig“ der Waf­fen­pro­duk­ti­on gehört eben­so dazu wie der Export von Kriegs­ge­rät. Unse­re Gesell­schaft schafft es nicht, hier­zu ein Zei­chen zu set­zen, sich neu zu besin­nen und bei­spiels­wei­se deut­sche Waf­fen­ex­por­te einzustellen.

Der Kli­ma­wan­del — in star­kem Mas­se befeu­ert durch unse­re west­li­che Lebens­wei­se — hat sei­nen Anteil am Ara­bi­schen Früh­ling. Genervt augen­rol­len­de Zweif­ler kön­nen das sogar bei der hin­sicht­lich die­ses The­mas völ­lig unver­däch­ti­gen CDU-nahen Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung nach­le­sen.4

Die Aus­lö­ser des Elends, der Krieg und das „Leben“ in Syri­en sind für uns heu­te aller­dings in den Hin­ter­grund getre­ten. Ich ver­mu­te nicht, dass die Situa­ti­on dort seit 2014 bes­ser gewor­den ist für die meis­ten Menschen.

Wir wis­sen heu­te nicht mehr, wie es den Men­schen in Syri­en geht. Wir sind zu sehr mit uns selbst beschäf­tigt — und das zum Teil sicher mit einer gewis­sen Berech­ti­gung in Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie, die zum Zeit­punkt der Erst­ver­öf­fent­li­chung die­ses Arti­kels unser Leben bestimmte.

Aller­dings: Den­ken wir — von mir aus auch nur kurz — dar­über nach, was unse­re Sor­gen um die Öff­nung von Fri­seur­ge­schäf­ten, Fit­ness­stu­di­os und Restau­rants im Febru­ar 2021 bedeu­ten, wenn wir sie einem Bericht über das Leben im Damas­kus gegen­über stel­len, einer Stadt, in der seit vie­len Jah­ren Krieg geführt wird.

Zynisch könn­te man behaup­ten, dass die Pan­de­mie des Jah­res 2020 uns auch die Chan­ce gibt, uns selbst zu bedau­ern, anstatt unse­re Ver­ant­wor­tung für das Leid in ande­ren Regio­nen anzuerkennen.

Viel­leicht hilft unse­rem See­len­heil tat­säch­lich nur, Kha­led Kha­li­fas Bericht als erfun­den ein­zu­stu­fen — oder ihn gleich ganz zu ignorieren?

„Lügen­pres­se“ zu brül­len, eine gehei­me Macht im Hin­ter­grund zu beschul­di­gen, für unser angeb­li­ches Elend ver­ant­wort­lich zu sein, all das sind Aus­flüch­te, um unse­re Ver­ant­wor­tung — und unser Ver­sa­gen! — nicht zuge­ben zu müssen.

Unse­re ver­gleichs­wei­se kom­for­ta­ble Situa­ti­on als schwe­res Leid dar­zu­stel­len, ent­bin­det so man­che von der Ver­ant­wor­tung, die durch unse­ren Lebens­stil ent­steht. Unse­re Igno­ranz gegen­über dem, was unser Wohl­stand für Men­schen in ande­ren Regio­nen der Erde aus­löst, ist weit ver­brei­tet. Die­se Igno­ranz ist erbärmlich.

Kha­led Kha­li­fas Bericht hät­te einen Don­ner­hall in unse­rer Gesell­schaft aus­lö­sen müs­sen — ande­re Berich­te über Syri­en, über ande­re Kriegs­ge­bie­te und über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen eben­so. Aber das ist nicht der Fall. Wir sind nicht beson­ders interessiert.

Was tun? Falsche Frage!

Wie kön­nen wir das ändern? Wol­len wir das über­haupt ändern? Und wenn ja: Wie packen wir das an?

Ich fürch­te, wir müs­sen uns kei­ne Gedan­ken über das „Wie“ machen, denn: Unse­re Gesell­schaft scheint mir grund­sätz­lich nicht bereit zu sein. Wir wol­len uns nicht mit den Pro­ble­men ande­rer Men­schen in ande­ren Län­dern beschäf­ti­gen. Ein paar Nach­rich­ten — naja, es ist gut, wenn man in etwa weiss, wie es woan­ders zugeht. Aber Kon­se­quen­zen zie­hen? Nein, bit­te nicht!

Wir sind mit uns selbst beschäf­tigt. Uns als Gesell­schaft küm­mern weder das exis­ten­ti­el­le Leid ande­rer noch unse­re Ver­ant­wor­tung dafür. Das ist eine bit­te­re, aber kei­ne neue Erkenntnis.

Kha­led Kha­li­fas Bericht aus Damas­kus war vergebens.

 

Damaskus 2010
Damaskus 2010
Damaskus 2010

Quellen

1 Der Text von Kha­led Kha­li­fa erschien online unter die­sen Links:

2 Betz, Ruth (2004): Gespro­chen­sprach­li­che Ele­men­te in deut­schen Zei­tun­gen, Würz­burg
Da ich die Bild­zei­tung äus­serst sel­ten lese, war es mir wich­tig, für mei­ne Ein­schät­zung eine Quel­le nennen.

3 Der Jour­na­list Claas-Hen­drik Relo­ti­us ver­fass­te für den Spie­gel Arti­kel, die gefälscht waren. Details dazu sind auf Wiki­pe­dia nachzulesen.

4 Anne Müt­hing: Kli­ma­wan­del und der Ara­bi­sche Früh­ling, Eine Dis­kus­si­on mit Tom Fried­man und Anne-Marie Slaug­t­her beim Cen­ter for Ame­ri­can Pro­gress, in: Think Tank Update, Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung e. V. (Hrsg), Febru­ar 2013

Bildnachweis

alle Fotos: Frank Jer­mann
Screen­shots: von Web­sites der jewei­li­gen Medi­en erstellt

Worum es geht.

War­um die­ses Thema?

Nun, tat­säch­lich sind es meh­re­re Themen:

Zuerst ein­mal hat mein Damas­kus-Auf­ent­halt bei mir bis heu­te Spu­ren hin­ter­las­sen. Mei­ne Erin­ne­run­gen an die­se Stadt sind immer noch sehr präsent.

Unter die­sem Aspekt hat mich der Arti­kel Kha­led Kha­li­fas ange­rührt. Was er beschreibt, das geht mir unter die Haut, denn es steht in direk­tem Zusam­men­hang mit mei­nen Erfah­run­gen in der Flücht­lings­hil­fe. Ich traf hier bei uns auf syri­sche Fami­li­en, die Schreck­li­ches durch­ge­macht hat­ten — und erleb­te gleich­zei­tig den Hass in unse­rer Gesell­schaft auf die­se Men­schen. Auch in unse­rer Gemein­de, teils tole­riert von unse­ren loka­len PolitikerInnen.

Heu­te, im Febru­ar 2021, ist kaum noch Raum für eine Bericht­erstat­tung über das Schick­sal der Men­schen in Syri­en. Damas­kus, Alep­po, Homs — all das ist weit weg­ge­rückt. Wir haben heu­te ande­re Themen.

Dann beschäf­tigt mich der Trend zu kur­zen Infor­ma­ti­ons­hap­pen. Die­se weit ver­brei­te­ten Ver­kür­zun­gen bedeu­ten, dass man­ches nicht mehr wahr genom­men wird. Der Krieg in Syri­en gehört dazu.

Kön­nen wir das ändern? Ich mei­ne: Ja. wir könn­ten das ändern. Es liegt auch an unse­rem Ver­hal­ten im Umgang mit den Medi­en, wie wir unse­re Welt wahr­neh­men und erkennen.

Letzt­lich beschäf­tigt mich die Grup­pe der Ver­schwö­rungs­er­zäh­ler, der Coro­nal­eug­ner, der Lügen­pres­se-Rufer, die sich weit­ge­hend abge­kop­pelt hat von unse­rer klas­si­schen Infor­ma­ti­ons­land­schaft — und Rat­ten­fän­gern auf den Leim geht. Was man­che in die­sem Zusam­men­hang als tie­fes Miss­trau­en bezeich­nen, das stu­fe ich als ober­fläch­li­che und weit­ge­hend unbe­grün­de­te Ver­wei­ge­rung ein.

Auch in mei­nem Bekann­ten­kreis gibt es Men­schen, die von einer gros­sen Ver­schwö­rung über­zeugt sind, von einer tota­len Kon­trol­le der Regie­rung über die Medi­en. Die­se Men­schen sind mir ein Rät­sel — und wer­den mir immer fremder.

Vor­ge­brach­te Gegen­bei­spie­le wer­den nicht geglaubt. Auf Nach­fra­ge, wann denn zuletzt das ver­ach­te­te Medi­um [set­zen Sie hier eine belie­bi­ge Tages­zei­tung oder einen Rund­funk­sen­dern ein] benutzt wur­de, kommt ein Schulterzucken.

Glau­ben wir die­sen Leug­nern, dann hat wohl auch Kha­led Kha­li­fa sei­nen Bericht aus Damas­kus frei erfunden.

Frank Jer­mann

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