ver­öf­fent­licht am 20. Novem­ber 2008


Andere Zeiten

Die Tage sind mitt­ler­wei­le grau und kalt. Dem Hof­kater fehlt jeg­li­cher Schwung: Jeder sei­ner Besu­che mün­det in der Suche nach einem war­men Platz für ein aus­gie­bi­ges Nicker­chen. Der Ofen sorgt für woh­li­ge Wär­me — und er befeu­ert Erin­ne­run­gen an Tage, die noch vor kur­zem von kur­zer Hose und Polo­shirt geprägt waren.

Mei­nen letz­ten Aus­flug an so einem war­men Tag mach­te ich die­ses Jahr in die Gegend von Bad Salz­hau­sen1: Mein Motor­rol­ler schnurrt, der Wind ist ange­nehm lau und die Son­ne des Spät­som­mers spen­det war­mes Licht. Der Hahn auf der Kir­che glänzt mit dem unver­schäm­ten Blau des Him­mels um die Wet­te. Wun­der­bar.

Ich bin hier zwar etwas vom Weg abge­kom­men, denn der Gockel befin­det sich in Rod­heim, das nicht mehr zur Wet­terau gehört — aber die­ser Schlen­ker schmä­lert das Erleb­nis nicht. Schliess­lich gibt es in unse­rem Land dan­kens­wer­ter­wei­se kaum Bal­ka­ni­sie­rungs­ten­den­zen2.

In Bad Salz­hau­sen ange­kom­men kann ich mich dem Slo­gan des Staats­bads nur schwer­lich ent­zie­hen: «Zum Wohl­füh­len schön» — und die ver­k­ur­te Ruhe hat etwas. Nur weni­ge Men­schen schlen­dern durch die Haupt­stras­se, kaum ein Auto stört das gemüt­li­che Bum­meln und ich kom­me mir mit mei­nem Rol­ler fast wie ein Ein­dring­ling vor. Zu Fuss unter­wegs sein ist hier ange­sagt.

Der Bahn­hof — offi­zi­ell nur ein Hal­te­punkt — wird tat­säch­lich regel­mäs­sig von der Hor­loff­tal­bahn3 ange­fah­ren. Das klei­ne Restau­rant im ehe­ma­li­gen Bahn­hofs­ge­bäu­de ist wegen des ver­schla­fe­nen Betriebs und der absei­ti­gen Lage nur sehr begrenzt geöff­net. Drin­nen ist es zwar wegen eini­ger Erin­ne­run­gen an alte Bahn­zei­ten nicht unin­ter­es­sant, aber etwas muf­fig. Bes­ser sitzt man wohl draus­sen mit einem Blick über den über 180 Jah­re alten Kur­park.

Ein Bum­mel durch die­sen Park ist anzu­ra­ten: Es gibt eine Men­ge zu ent­de­cken. Neben Lam­pen, die Aus­se­hen wie aus den Fünf­zi­gern (und es ver­mut­lich auch sind), Park­bän­ken aus Metall und Holz (und nicht aus die­sem abstos­sen­den Beton- und Plas­tik­zeugs) fin­det man Objek­te, die zum Hin­schau­en, Anfas­sen, Nach­den­ken und Mit­ma­chen auf­for­dern. Dem The­ma «Bän­ke» ver­bun­den — und sehr ver­wun­schen, ja fast mor­bid (sie­he links) — kommt Kat­ja Nie­buhrs «War­te­schlei­fe» aus dem Bild­hau­er­sym­po­si­um 2007 daher, die die­se Sitz­mö­bel auf unge­wöhn­li­che Wei­se in den Park ein­bringt. Der Weg durch die­se anre­gen­de Kul­tur­land­schaft ist span­nend und der Spa­zier­gang hat nichts mit den lang­wei­li­gen Sonn­tags­er­in­ne­run­gen mei­ner Kind­heit gemein­sam.

Bad SalzhausenIch stö­be­re ein wenig an der schö­nen Lau­be am Parkrand und stel­le fest, dass in Bad Salz­hau­sen selbst die heim­li­chen Zecher anders sind: Fein säu­ber­lich wur­den die geleer­ten Schnaps­fla­schen neben den Papier­korb gestellt. Ich bin sicher, der Kehr­dienst wird sie unbe­scha­det der nächs­ten Wert­stoff­samm­lung zufüh­ren. Hei­le Welt aber nicht nur bei den Schnaps­dros­seln, auch die sons­ti­ge Bad Salz­hau­se­ner Vogel­welt ver­hält sich sehr ordent­lich: Der Haus­rot­schwanz beginnt sei­nen Mor­gen­ge­sang 75 Minu­ten vor Son­nen­auf­gang, die Amsel 63, das Rot­kehl­chen exakt sechs Minu­ten spä­ter. Lang­schlä­fer unter den Sing­vö­geln ist der Buch­fink, der sich erst 29 Minu­ten vor den Erschei­nen der Son­ne piep­send mel­det. Alles nach­zu­le­sen auf einem Schild der ört­li­chen Natur- und Vogel­schutz­grup­pe.

Unten im Ort fällt dem nach­mit­täg­li­chen Besu­cher mit Kaf­fee­durst das wun­der­schö­ne «Bien­kos Park-Café» ins Auge — doch sie trügt, die Hoff­nung, die der Zusatz «Kon­di­to­rei-Meis­ter­be­trieb» weckt. Der Kon­di­tor­meis­ter Tho­mas Bien­ko betrieb das Café in zwei­ter Genera­ti­on bis ins Jahr 2007 — aber nach 58 Jah­ren war das Ende des Fami­li­en­be­triebs gekom­men. Heu­te kann man noch Zim­mer mie­ten, als Allein­rei­sen­der zahlt man 34 Euro mit Früh­stück, ein Mit­tag­essen kos­tet acht Euro. Spä­tes­tens bei die­sen Prei­sen merkt man, dass Bad Salz­hau­sen weit abseits der Ein­fall­schnei­sen der Spe­sen­rit­ter mit Ziel Frank­furt liegt.

«Vor zwan­zig Jah­ren, als die Kran­ken­kas­sen noch alle zwei Jah­re eine Kur geneh­mig­ten, da war hier die Blü­te­zeit für ein Café», meint Herr Bien­ko. Trotz­dem träu­me ich von einem Stück Scho­ko­la­den­tor­te zum Kaf­fee auf der offe­nen Veran­da der Vil­la aus dem Jahr 1901. Viel­leicht fin­det sich ja ein Päch­ter? Einen Stamm­gast hät­te er bereits jetzt.

Es ist sicher eine Sze­ne aus einer ande­ren Zeit, der ich nach­hän­ge — aber in Bad Salz­hau­sen ist das erfreu­li­cher­wei­se auch noch mög­lich. Sind nicht genau die­se klei­nen, lie­bens­wer­ten Din­ge die, in den ein Wert liegt? Neu­es fin­den wir an jeder Ecke, häu­fig lieb­los und für einen Mas­sen­markt auf­be­rei­tet. Bad Salz­hau­sen bie­tet Anre­gun­gen, wie es sein könn­te. Schön, inspi­rie­rend, stil­voll, indi­vi­du­ell, wer­tig. Doch auch dort fin­det man nicht weit ent­fernt das übli­che Plas­tik­mo­bi­li­ar vor einer ande­ren Gast­wirt­schaft. Bestimmt schön prak­tisch — aber es tötet die Sin­ne mit sei­ner häss­li­chen, belang­lo­sen Aus­wech­sel­bar­keit.

Es war ein schö­ner klei­ner Aus­flug an jenem Tag. Ich kann es kaum erwar­ten, dass es in vier oder fünf Mona­ten wie­der soweit ist und ich wer­de dann sehn­suchts­voll auf die Veran­da des ver­mut­lich immer noch geschlos­se­nen Park-Cafés schau­en.

-Frank Jer­mann

PS. In Rei­chels­heim wur­de von der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung jüngst die Ansied­lung eines Net­to-Mark­tes (graue Well­blech­hüt­te mit schrei­en­der Wer­bung und gros­sem Park­platz) mit­ten in der Stadt beschlos­sen. Ein regel­mäs­si­ger Besuch in einer Ort­schaft wie Bad Salz­hau­sen soll­te für jeden Stadt­ver­ord­ne­ten zur Pflicht gemacht wer­den. Güns­ti­ge Zim­mer gibt’s bei Herrn Bien­ko.

Bad Salzhausen

Nach­le­se
Links zum Hintergrund

1 zum Web­auf­tritt von Bad Salz­hau­sen: bad-salzhausen.de
2 mehr zum The­ma „Bal­ka­ni­sie­rung“ bei Wiki­pe­dia: de.wikipedia.org
3 eini­ge Details zur Hor­loff­tal­bahn bei Wiki­pe­dia: de.wikipedia.org/


Spätere Gedanken

Es ist Anfang 2020. Nach­dem die Web­site frank-jermann.de län­ge­re Zeit nicht online war, stel­le ich so nach und nach eini­ge Arti­kel in die (jetzt noch) neue Ver­si­on ein, die Sie sich gera­de anschau­en, lie­be Lese­rin­nen und Leser. Die­ser Text über Bad Salz­hau­sen ist heu­te mehr als elf Jah­re alt — und er nimmt etwas vor­weg, das ich in den Jah­ren ab 2011 sehr viel inten­si­ver wahr­neh­men soll­te: Lang­sam­keit, rich­ti­ge „Wer­te“, die Fas­zi­na­ti­on solch „ste­hen­ge­blie­be­ner“ Orte.Hier beschrei­be ich etwas, das vor vie­len Jah­ren viel tie­fer in mir steck­te, als ich es damals ahn­te.

Ver­mut­lich des­halb ist es einer mei­ner Lieb­lings­ar­ti­kel aus der Regi­on in der Mit­te Hes­sens, die seit zir­ka 20 Jah­ren so lang­sam etwas wie Hei­mat gewor­den ist. Fra­gen Sie nun aber bit­te nicht nach einer Defi­ni­ti­on von „Hei­mat“.

Wo war das?
Bad Salzhausen
Eine Rollertour von Reichelsheim (Wetterau) mit dem Ziel Bad Salzhausen
Wann war das?
September 2008
Dieser Artikel erschien erstmals im Blog „Wetterauer Weltbilder“.
Gibt's mehr dazu?
Ja! Es gibt einen weiteren fotografischen Ausflug einige Tage später und eine Begehung des Orts im Jahr 2016. Mal schauen, ob ich daraus etwas machen kann …